Mittagsvorlesung 2026

Qualitativ Forschen ohne Zahlen? Anmerkungen zum Umgang mit Quantifizierungen

Aladin El-Mafaalani

Technische Universität Dortmund

Ein zentraler Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Forschung besteht bekanntlich darin, dass qualitative Forschung üblicherweise auf die Nutzung numerischer Daten verzichtet. Nicht selten wurden qualitative und quantitative Forschung in der Vergangenheit in Opposition zueinander gebracht, bisweilen auch polemisch. Die Fronten sind weitgehend aufgeweicht. Paradigmatische Unterschiede bestehen selbstredend dennoch weiter. Bei aller notwendigen Betonung von Differenz ist jedoch eins augenfällig: Qualitative Forschung wird gerne als frei von Zahlen behauptet, wenngleich so manche qualitative Forschung ohne Zahlen wohl kaum denkbar wäre. Das kann bereits bei der Entwicklung der Forschungsfrage beginnen, wenn mit Blick auf Zahlen und Statistiken etwa die Relevanz des gewählten Themenfeldes betont wird. Auch bei der Bestimmung der Fallauswahl bzw. im Zuge der Datenerhebung kommen mitunter ebenfalls quantitative Überlegungen ins Spiel. Und selbst manche qualitative Datenanalyse ist nicht gefeit vor ohne eingehendere Reflexion vorgenommenen Quasi-Quantifizierungen. Zahlen spielen also auch in der qualitativen Forschung eine Rolle, nur wird dies vielleicht weniger systematisch berücksichtigt.

In dieser Mittagsvorlesung wird für einen reflektierten Umgang mit Quantifizierungen und für die Potenziale der Nutzung quantitativer Kontextualisierungen auch – und vielleicht gerade – in der qualitativen Forschung plädiert: Eine deskriptive Statistik hier und da als Ausgangsprunkt der Forschung oder als Einbettung von Forschungsergebnissen, ein Auge für Quantifizierungspraktiken im Feld und bei der Analyse einen Blick dafür, dass auch subjektive Sinn- und Bedeutungskonstruktionen von Zahlen durchzogen sein können. Es muss der qualitativen Forschung nun sicher nicht gleich eine Angst vor Zahlen attestiert, aber vielleicht ein wenig mehr Mut zur Zahl gemacht werden. Hierzu soll die Mittagsvorlesung beitragen.