Postersession 2026

Medien – Bildung

Jessica Kühn & Claudia Riesmeyer (Ludwig-Maximilians-Universität München): Social Media Influencer*innen und Heranwachsende: Ein qualitativer Netzwerkansatz zwischen Multiperspektivität und forschungsethischen Herausforderungen
Keywords: Qualitative Netzwerkanalyse, Leitfadeninterviews, qualitative Inhaltsanalyse

Abstract ]

Sophie Lexhaller, Claudia Riesmeyer, Arne Freya Zillich, Diana Rieger (Ludwig-Maximilians-Universität München), Dennis Walkenhorst, Jens Ostwaldt (IU Internationale Hochschule), Elena Jung (Modus – Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung gGmbH): Medienpraktiken im Alltag untersuchen: Empirische Beispiele für die Triangulation von Interviews und Medientagebüchern
Keywords: Methoden-Triangulation, leitfadengestützte Interviews, digitales (Medien-) Tagebuch

Abstract ]

Jessica Nixon (Technische Univrsität Darmstadt, Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik, Arbeitsbereich Technikdidaktik): Strukturelle Bedingungen des Zugangs zur LMS-basierten Hochschulbildung in Subsahara-Afrika: Eine systematische Literaturreview empirischer Befunde
Keywords: Systematisches Literaturreview, Mixed-Methods, qualitative Inhaltsanalyse

Abstract ]

Lena Reichstetter (Bergische Universität Wuppertal, Institut für Erziehungswissenschaften; Stipendiatin der Hans Böckler Stiftung): Politische Bildung gegen Antifeminismus – Eine empirische Studie zur pädagogischen Arbeit in Fort- und Weiterbildungsangeboten
Keywords: Ethnografie, Sequenzanalyse, objektive Hermeneutik

Abstract ]

Bedirhan Tuna (Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Kunstpädagogik): „Was malst du eigentlich?“ Qualitative, kunstpädagogische Perspektiven auf Kommunikation beim digitalen Gestalten im Alter
Keywords: Interviews, Gruppendiskussionen, teilnehmende Beobachtung, digitale Gestaltungsergebnisse, qualitative Inhaltsanalyse, Bildanalyse

Abstract ]

Gesundheit

Laura Amanda Haase (Hochschule Furtwangen): Das Verschwinden von Körpern in physiotherapeutischen Behandlungen. Eine methodologische Annäherung durch Dispositivanalyse und neo-materialistische Kartografie
Keywords: Genealogisch-dispositivanalytische und kartografische Analyse, kritisch-posthumanistische Perspektive

Abstract ]

Tove Gersitz (Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Kulturwissenschaft; Internationale Psychoanalytische Universität Berlin): Zwischen Selbstbestimmung und Selbstpathologisierung. Eine subjektivierungsanalytische Annäherung an das Phänomen der Autismus-Selbstdiagnostik
Keywords: Subjektivierungsanalyse, biografisch-narrative Interviews, Dokumentenanalyse

Abstract ]

Hanna Gröteke (Universitätsklinikum Düsseldorf, Interdisziplinäres Zentrum für Palliativmedizin): Multiprofessionelle Haltungen zum assistierten Suizid
Keywords: Digitale Fokusgruppeninterviews, qualitative Inhaltsanalyse

Abstract ]

Anna Christina Nowak (Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung): Individuelle Krisenkonstruktionen nach der Corona-Pandemie
Keywords: Narrative Interviews, Grounded-Theory-Methodologie

Abstract ]

Sven-Nelson Ruppert (Carl von Ossieztky Universität Oldenburg, Fakultät I): Optimierung der Hilfsmittelversorgung bei Multipler Sklerose. Herausforderungen und innovative Ansätze am Beispiel der Inkontinenz
Keywords: Person-Umfeld-Analyse, Symptom-Management-Theorie, Methodentriangulation

Abstract ]

Kultur – Identität

Teresa Becker (Universität Paderborn): Livemusik-Konzerte als Orte der Aushandlung für eine nachhaltige Entwicklung
Keywords: Leitfadengestützte Interviews, teilnehmende Beobachtung, Grounded-Theory-Methodologie

Abstract ]

Sarah Boysen (Ruhr Universität Bochum; Universität Duisburg-Essen): Mit Sprache über Sprach(-färbungen). Rekonstruktionen mithilfe der dokumentarischen Methode
Keywords: Qualitative Interviews, dokumentarische Methode

Abstract ]

Rabea Mette (Universität Osnabrück): Der schönste Tag im Leben? Heiraten als latente Bearbeitung nomischer Strukturdefizite
Keywords: Paarinterviews, Dokumentdaten, „natürliche“ Protokolle, objektive Hermeneutik

Abstract ]

Nastassia Rozum (Universität Osnabrück): Familiensprachbiografien am Küchentisch erheben: Partizipative Datengenerierung und kreative Methoden im narrativen Familiengespräch
Keywords: Familiengespräch, narrative Gruppeninterviews, visualisierende Zugänge

Abstract ]

Andreas Warmbrunn (Universität Leipzig): Komplementär statt standardisierend: Eine Mixed-Methods-Methodologie für die Erforschung von Religiosität
Keywords: Mixed-Methods, qualitative Interviews, quantitative Sekundärdatenanalyse,  dokumentarische Methode

Abstract ]

Arbeit

Sarrah Bock (Technische Universität Dortmund): Alter(n) in der Zuwanderungsgeschichte: Arbeitsmigrant*innen aus Nordafrika im Rahmen der Anwerbeabkommen der 1960er Jahre in der BRD
Keywords: Partizipative Forschung, narrative Interviews, Bilder, reflexive Grounded-Theory-Methodologie, Situationsanalyse

Abstract ]

Carolin F. Feß (Katholische Hochschule Münster; Humboldt Universität Berlin, Institut für Rehabilitationswissenschaften): Rekonstruktion von „Teilhabe“ in Gruppendiskussionen durch die Triangulation von dokumentarischer Methode und systematischer Metaphernanalyse
Keywords: Gruppendiskussion, dokumentarische Methode, systematische Metaphernanalyse

Abstract ]

Gülten Gizem Fesli (Universität Bayreuth): Multilingualismus als Herausforderung in einem qualitativen und transnationalen Forschungsprojekt in Deutschland und den USA
Keywords: Teilnehmende Beobachtung, Leitfadeninterviews, Expert*innengespräch, qualitative Inhaltsanalyse

Abstract ]

Brigitte Merz (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg): Der MINT-Gender-Gap aus der Perspektive des Dynamic Holistic Convergence Model (DHCM): Erste Ergebnisse einer Interviewstudie mit weiblichen Fach- und Führungskräften in technischen Berufsfeldern
Keywords: Problemzentrierte Interviews, qualitative Inhaltsanalyse

[ Abstract ]

Maja Niestroj (Berlin Practical Philosophy International Forum e.V.): Zwischen institutioneller Semantik und professioneller Selbstdeutung. Explorative Metaphernanalysen zur Arbeitsvermittlung in SGBII
Keywords: Teilnehmende Beobachtung, ethnografische Feldnotizen, systematische Metaphernanalyse

[ Abstract ]

Methodenentwicklung

Kristina Meier (Georg-August-Universität Göttingen): Zwischen Sprechen und Schweigen: Reflexion als Erkenntnisgewinn im interpretativen Forschungsprozess mit Bundeswehrsoldaten
Keywords: Biografisch-narrative Interviews, biografische Fallrekonstruktion, reflexive Grounded-Theory-Methodologie

Abstract ]

Laura Schaupeter (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg): Zum Umgang mit eigenen und fremden Emotionen in der biografisch-narrativen Forschung. Ein Erfahrungsbericht aus der Eheauflösungsforschung
Keywords: Biografisch-narrative Interviews, Narrationsanalyse

Abstract ]

Anne Uphoff (Universität Fribourg): ACT jenseits der Intervention als epistemische Heuristik für die qualitative Sozialforschung
Keywords: Acceptance and Commitment Therapy, Contextual Behavioral Science

Abstract ]

Ruth Wakenhut (KERNWERT GmbH), Arturo Romero Carnicero (LAREP – ENSP Versailles): Im Moment verstehen: Multimodale Tagebücher als Zugang zu Alltagserfahrungen im öffentlichen Raum
Keywords: Digitale Tagebuchmethode, multimodale Daten, visuelle Daten, Audiodaten, qualitative Alltagsdokumentation, interpretative Analyse

Abstract ]

Abstracts

Medien – Bildung

Social Media Influencer*innen und Heranwachsende: Ein qualitativer Netzwerkansatz zwischen Multiperspektivität und forschungsethischen Herausforderungen

Jessica Kühn & Claudia Riesmeyer (Ludwig-Maximilians-Universität München)

Ausgangspunkt: Social Media Influencer*innen (SMIs) sind für viele Heranwachsende eine relevante Referenzgruppe (RG) und können ihre Identitätsbildung beeinflussen (Wunderlich 2023). Bislang wird die Bedeutung von SMIs aus Perspektive einzelner RG untersucht (De Veirman et al. 2019). Es fehlt ein Vergleich der SMI-Einschätzungen unterschiedlicher RG für die Identitätsbildung von Heranwachsenden.

Forschungsfrage: In dem Projekt wird diese Forschungslücke aufgegriffen und die qualitative Netzwerkanalyse (QNA) als bislang selten eingesetzten Zugang in der Kinder- und Jugendmedienforschung (Wolf 2010) genutzt. Explizit gefragt wird, welche Relevanz von SMIs für die Identitätsbildung Heranwachsender durch unterschiedliche Referenzgruppen zugeschrieben wird.

Methodik: In der Studie wird eine QNA (Hollstein 2006; Wolf 2010) genutzt. Analysiert wurden 20 Netzwerke mit je einer*m 14- bis 16-jährigen Heranwachsenden als Netzwerkanker sowie je zwei Peers, einem Elternteil und einer Lehrkraft als RG (insgesamt 86 leitfadengestützte Einzelinterviews, Helfferich 2022). Netzwerkkarten und Lautes Denken (Bilandzic 2017) unterstützten die Erhebung und Analyse der Selbstwahrnehmung des Netzwerkankers sowie der Fremdwahrnehmungen der RG zur Relevanz von SMIs für Egos Identitätsbildung. Die Auswertung der transkribierten Interviews aus der QNA erfolgte mithilfe qualitativer Inhaltsanalyse (Mayring 2022) und ermöglichte einen Perspektivvergleich zur Relevanz von SMIs für die Identitätsbildung Heranwachsender. Zudem dokumentierten wir Vor- und Nachteile der QNA (u.a. Rekrutierung, Datenerhebung, Auswertung).

Ergebnisse: Es zeigen sich unterschiedliche Perspektiven auf die Relevanz von SMIs für den Netzwerkanker. Während Heranwachsende die Relevanz von SMIs relativieren, berichten Eltern, Peers und Lehrkräfte von konkreten Auswirkungen auf die Identitätsbildung, die sie an Konsumpraktiken, Selbstdarstellung in sozialen Medien oder Werteorientierungen festmachten.

Diskussion: Die multiperspektivische Anlage der QNA eröffnet Einblicke in relationale Wahrnehmungen und die Identitätsbildung, erhöht jedoch auch das Risiko indirekter Identifizierbarkeit und erzeugt Spannungen zwischen Multiperspektivität und Vertraulichkeit (z.B. Nachfragen der Eltern zu den Interviews ihrer Kinder). Herausforderungen zeigen sich zudem bei der Interpretation divergierender Perspektiven.

Anliegen der Posterpräsentation: Wir möchten die QNA als methodisch und forschungsethisch reflexionsbedürftigen Zugang zur Diskussion stellen. Netzwerkvisualisierungen und Ankerzitate verdeutlichen Chancen und Herausforderungen multiperspektivischer Forschung mit vulnerablen Zielgruppen und laden zur Diskussion von Potenzialen und Forschungsethik in der QNA ein.

Kontakt: jessica.kuehn@ifkw.lmu.de | https://orcid.org/0000-0003-0901-8736

Literatur

  • Bilandzic, Helena (2017). Lautes Denken. In Lothar Mikos & Claudia Wegener (Hrsg.), Qualitative Medienforschung: Ein Handbuch (2., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, S. 406–413). Konstanz: UVK.
  • De Veirman, Marijke; Hudders, Liselot & Nelson, Michelle R. (2019). What is influencer marketing and how does it target children? A review and direction for future research. Frontiers in Psychology, 10, 1–16, DOI: https://doi.org/10.3389/fpsyg.2019.02685.
  • Hollstein, Betina & Straus, Florian (Hrsg.) (2006). Qualitative Netzwerkanalyse: Konzepte, Methoden, Anwendungen. Wiesbaden: VS Verlag.
  • Wolf, Christof (2010). Egozentrierte Netzwerke: Datenerhebung und Datenanalyse. In Christian Stegbauer & Roger Häußling (Hrsg.), Handbuch Netzwerkforschung (S. 471–483). Wiesbaden: VS Verlag.
  • Wunderlich, Leonie (2023). Parasoziale Meinungsführer? Eine qualitative Untersuchung zur Rolle von Social Media Influencer*innen im Informationsverhalten und in Meinungsbildungsprozessen junger Menschen. Medien & Kommunikationswissenschaft, 71(1–2), 37–60, DOI: https://doi.org/10.5771/1615-634X-2023-1-2-37.

Medienpraktiken im Alltag untersuchen: Empirische Beispiele für die Triangulation von Interviews und Medientagebüchern

Sophie Lexhaller, Claudia Riesmeyer, Arne Freya Zillich, Diana Rieger (Ludwig-Maximilians-Universität München), Dennis Walkenhorst, Jens Ostwaldt (IU Internationale Hochschule), Elena Jung (Modus – Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung gGmbH)

Forschungskontext: Die Triangulation digitaler (Medien-)Tagebüchern mit Leitfaden gestützten Interviews ist in der deutschen Sozialforschung selten, obwohl sie eine systematische Erhebung der alltäglichen Wahrnehmung von (Medien-)Inhalten ermöglicht (Kunz 2018). Mit dem Poster wird diese Methodenkombination in zwei Forschungsprojekten (FP) vorgestellt, die mediale und nicht-mediale Kontaktpunkte mit antisemitischer Desinformation (FP1) bzw. mit rechtsextremen Narrativen (FP2) erfassen.

Methodik: In FP1 wird untersucht, wie und wo Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren antisemitische Narrative wahrnehmen. Zunächst finden leitfadengestützte Fokusgruppen (Vogl 2019) und leitfadengestützte Einzelinterviews (Helfferich 2019) statt, die Kontaktpunkte thematisieren und Beispielinhalte zeigen. Die anschließenden Tagebucheinträge erfolgen über einen dauerhaft zugänglichen SoSci-Survey-Link. Die Befragten werden sieben Tage an den Eintrag erinnert. Mit offenen Fragen werden Gedanken, Gefühle und Anschlusshandeln erhoben. In FP2 wird die mediale und nicht-mediale Wahrnehmung von rechtsextremen Narrativen durch Erwachsene mit offenen Fragen erfasst. Die Erhebung erfolgt über den Messenger-Dienst Threema, sodass neben Text auch Fotos, Videos oder Audioaufnahmen unmittelbar während oder nach der Wahrnehmung gesendet werden können. Die Tagebuchantworten dienen in den anschließenden Interviews als Referenz und die Leitfäden werden individuell an die im Tagebuch dokumentierten Wahrnehmungen angepasst (Koch, Klopfenstein Frei & Hermann 2021).

Diskussion: Digitale (Medien-)Tagebücher lassen sich zielgruppengerecht gestalten und vielfältig einsetzen (Kunz 2018). Die Triangulation mit leitfadengestützten Interviews (Helfferich 2019; Koch et al. 2021) ermöglicht tiefgreifende Erkenntnisse zu subjektiven Medien- und Kommunikationspraktiken.

Anliegen der Posterpräsentation: Mit diesem Poster werden forschungspraktische Einsatzmöglichkeiten der Tagebuch-Interview-Methode in der Kommunikationswissenschaft anhand zweier konkreter Forschungsvorhaben zur Diskussion gestellt.

Kontakt: sophie.lexhaller@ifkw.lmu.de, claudia.riesmeyer@ifkw.lmu.de

Literatur

  • Helfferich, Cornelia (2019). Leitfaden- und Experteninterviews. In Nina Baur & Jörg Blasius (Hrsg.), Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung (S. 669–686). Wiesbaden: Springer.
  • Koch, Carmen; Klopfenstein Frei, Nadine & Hermann, Iris (2021). Das Smartphone-Tagebuch in der Mediennutzungsforschung: Ein qualitativer Methodenansatz unter der Lupe. M&K, 69(2), 300–319.
  • Kunz, Alexa M. (2018). Einführung in Diary-Verfahren: Theorie und Praxis in qualitativer Forschung. Weinheim: Beltz Juventa.
  • Vogl, Susanne (2019). Gruppendiskussion. In Nina Baur & Jörg Blasius (Hrsg.), Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung (S. 695–700). Wiesbaden: Springer.

Strukturelle Bedingungen des Zugangs zur LMS-basierten Hochschulbildung in Subsahara-Afrika: Eine systematische Literaturreview empirischer Befunde

Jessica Nixon (TU Darmstadt, Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik, Arbeitsbereich Technikdidaktik)

Forschungskontext: Der Hochschulsektor in Subsahara-Afrika ist durch jahrzehntelange strukturelle Vernachlässigung und Unterfinanzierung geprägt. Gleichzeitig stehen die Universitätssysteme durch eine rasant steigende Nachfrage unter massivem Expansionsdruck. Institutionen greifen verstärkt auf EdTech-Lösungen, wie Learning-Management-Systeme zurück, um den Bildungszugang zu erweitern.Während diese digitale Expansion das Versprechen eines verbesserten Zugangs trägt, bringt sie jedoch gleichzeitig neue Formen digitaler Ungleichheit hervor (Jowi 2024; Tikly 2020; UNESCO 2023).

Forschungsfragen: Welche strukturellen Bedingungen kennzeichnen den Zugang zu LMS-gestützter Hochschulbildung in Subsahara-Afrika? Welche Barrieren und Promotoren lassen sich identifizieren? Inwiefern prägen postkoloniale Machtstrukturen die Nutzung von LMS-gestützter Hochschulbildung in Subsahara-Afrika?

Methodik: Das Promotionsprojekt verfolgt einen sekundär-empirischen Ansatz unter Verwendung eines systematischen Literaturreviews (Wetterich & Plänitz 2021). Die Identifikation der relevanten Literatur erfolgte über eine systematische Abfrage von vier wissenschaftlichen Datenbanken mittels eines vorab definierten Suchstrings, was zu einer initialen Treffermenge von 555 Publikationen führte. Nach Abschluss des Screening-Prozesses verbleiben aktuell 65 qualitative und quantitative Studien. Diese werden einer strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse (Kuckartz 2019; Schreier 2012) unterzogen, Ergebnis ist eine Mixed-Methods-Synthese (Sandelowski et al. 2011).

Ergebnisse: Die Ergebnisse der qualitativen Auswertung stehen noch aus. Aufgrund der quantitative Analyse zeigt sich eine starke geografische Verengung: Die Publikationen konzentrieren sich vorallem auf Südafrika und Ghana. Es zeigt sich zudem ein Fokus auf den Hochschulsektor (innerhalb des Tertiärensektors). Innerhalb dieses Sektors liegt das Hauptaugenmerk primär auf Studierenden. Die in der Literatur am häufigsten untersuchten LMS sind Moodle, Sakai und Blackboard. Die Ergebnisse bestätigen eine deutliche theoretische Dominanz von Technologieeakzeptanzmodellen.

Diskussion: Aktuelle methodische Herausforderungen betreffen die kohärente Entwicklung des Kategoriensystems bei einem kombiniert deduktiv-induktiven Vorgehen. Dabei steht zur Diskussion, wie sich aus den drei herangezogenen Theorien theoretisch fundierte und trennscharfe Hauptkategorien ableiten lassen. Zudem ist kritisch zu reflektieren, inwieweit die vorliegenden empirischen Primärstudien – die häufig technisch oder akzeptanzorientiert ausgerichtet sind – valide Rückschlüsse auf tieferliegende postkoloniale Machtstrukturen zulassen.

Anliegen der Posterpräsentation: Die Posterpräsentation dient dazu, das Forschungsprojekt in seinem aktuellen Stadium vorzustellen und über die identifizierten methodischen Herausforderungen in den Dialog zu treten. Im Fokus steht dabei die Diskussion über die systematische Verknüpfung von Theorie und Empirie im Rahmen der qualitativen Inhaltsanalyse sowie der Umgang mit methodischer Heterogenität im Rahmen einer Mixed-Methods-Synthese (Sandelowski et al. 2011).

Kontakt: Jessica.nixon@tu-darmstadt.de

Literatur

  • Jowi, R. Kudho (2024). Partnerships for knowledge transformations. Journal of International Cooperation in Education, 26, 34–48.
  • Kuckartz, Udo (2019). Qualitative content analysis: From Kracauer’s beginnings to today’s challenges. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 20(3), Art. 12, DOI: http://dx.doi.org/10.17169/fqs-20.3.3370.
  • Sandelowski, Margarete; Voils, Corrine I.; Leeman, Jennifer & Crandell, Jamie L. (2011). Mapping the mixedmethods–Mixed researchsynthesis terrain. Journal of Mixed Methods Research, 6(4), 317–331.
  • Schreier, Margit (2012). Qualitative content analysis in practice. Thousand Oaks: Sage.
  • Tikly, Leon (2020). Education for sustainable development in the postcolonial world: Towards a transformative agenda for Africa. London: Routledge.
  • UNESCO (2023). The right to higher education in Africa. online, https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000387576.

Politische Bildung gegen Antifeminismus – Eine empirische Studie zur pädagogischen Arbeit in Fort- und Weiterbildungsangeboten

Lena Reichstetter (Bergische Universität Wuppertal, Institut für Erziehungswissenschaften; Stipendiatin der Hans Böckler Stiftung)

Forschungskontext: Seit den Anschlägen von Utøya, Christchurch, Halle und Hanau ist die Verschränkung von Antifeminismus, Frauenhass und rechten Ideologien verstärkt in den Fokus des erziehungswissenschaftlichen Fachdiskurses gerückt. In diesem Zusammenhang wird ein wachsender Bedarf an Fort- und Weiterbildungsangeboten für pädagogische Fachkräfte sichtbar, die einen professionellen Umgang mit antifeministischen Einstellungen ermöglichen. Fort- und Weiterbildungen gewinnen vor diesem Hintergrund eine besondere Bedeutung, da sie nicht nur der Vermittlung wissenschaftlichen Wissens dienen, sondern auch als Orte der Aushandlung beruflicher Haltungen, Einstellungen und Handlungsroutinen fungieren (Peter 2002). Zugleich zeigt sich ein Mangel an theoriegeleiteten pädagogischen Handlungskonzepten sowie an fachdidaktischen Zugängen zu diesem Themenfeld.

Forschungsfragen: In meiner Dissertation untersuche ich politische Bildungsarbeit gegen Antifeminismus als einen sich gegenwärtig konstituierenden Zweig der Erwachsenenbildung im Kontext der Rechtsextremismusprävention. Im Zentrum stehen drei miteinander verschränkte Forschungsfragen: Wie gestalten Praktikerinnen und Praktiker ihre Fort- und Weiterbildungsangebote inhaltlich und konzeptionell? Welche didaktischen Konzepte und pädagogischen Grundannahmen lassen sich für dieses Forschungsfeld ableiten? Wie vollzieht sich Wissensvermittlung in diesem Kontext, und welche impliziten Sinnstrukturen prägen den pädagogischen Handlungsvollzug? Ziel ist es, das in der Praxis eingelagerte implizite Handlungs- und Erfahrungswissen der im Feld agierenden Akteure systematisch zu erschließen und theoretisch zu rahmen.

Methodik: Das Forschungsvorhaben ist durch ein exploratives und abduktives Vorgehen gekennzeichnet und wählt einen ethnografischen Zugang. Im Zentrum steht die teilnehmende Beobachtung (Thomas 2019) von Fort- und Weiterbildungsangeboten für pädagogische Fachkräfte zum Thema Antifeminismus. Die erhobenen Daten werden primär in Form von Beobachtungsprotokollen dokumentiert und bei Bedarf durch ethnografische Interviews, Feldnotizen, Fotodokumentationen sowie Soziogramme ergänzt. Die Auswertung orientiert sich in Anlehnung an die objektive Hermeneutik (Oevermann 2002; Wernet 2009) am Verfahren der Sequenzanalyse nach Rosenthal (2015; vgl. auch Sammet & Erhard 2018).

Ergebnisse: In der ersten Fallrekonstruktion eines zweistündigen Workshops im Rahmen einer Fachkräftetagung konnte Verunsicherung als übergreifendes, handlungsleitendes Motiv der Interaktion rekonstruiert werden. Sowohl das Thema selbst als auch die Frage nach Vorkenntnissen als Voraussetzung für Teilnahme und Zugehörigkeit am Lernprozess konnten bereits zu Beginn des Workshops als Unsicherheit erzeugende Faktoren identifiziert werden. Hinzu kommt eine von einzelnen Teilnehmenden offen artikulierte Irritation über das von den Referentinnen gewählte Konzept, mittels „Schlaglichtern“ auf Fachbegriffe einen kursorischen Überblick über den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zu geben – während die Teilnehmenden ein Bedürfnis nach praxisorientiertem Handlungswissen, Kontextualisierung und gemeinsamem Austausch äußern. Die daraus resultierende pädagogisch-didaktische Verunsicherung der Referentinnen wird von ihnen vorrangig durch die Präsentation von Expertinnen- bzw. Sonderwissen (Knoblauch 2014) kompensiert, um ihren Expertinnenstatus zu stabilisieren. In der Folge fungieren sie zunehmend als Gatekeeperinnen dieses Sonderwissens (Knoblauch 2014) – eine Positionierung, der sich einzelne Teilnehmende aktiv entziehen. Es manifestiert sich zunehmend ein Konflikt zwischen Teilnehmenden und Referentinnen um den Zugang zu diesem Wissen.  Diese latente Sinnstruktur bestimmt das Handeln aller beteiligten Akteure und prägt den Lernraum maßgeblich.

Anliegen der Posterpräsentation: Neben der inhaltlichen Vorstellung meines Forschungsvorhabens verfolge ich mit der Teilnahme an der Postersession das konkrete Anliegen, Kontakte zu Professor*rinnen zu knüpfen, die als potenzielle Zweitbetreuer*innen meiner Dissertation in Frage kommen.

Kontakt: lena.reichstetter@uni-wuppertal.de

Literatur

  • Knoblauch, Hubert (2014). Wissenssoziologie. Konstanz: UTB.
  • Müller, Marion (2024). Einführung in die Interaktionssoziologie. Weinheim: Beltz Juventa.
  • Oevermann, Ulrich (2002). Klinische Soziologie auf der Basis der Methodologie der objektiven Hermeneutik. Manifest der objektiv hermeneutischen Sozialforschung. Frankfurt am Main: Goethe-Universität.
  • Peter, Hilmar (2002). Weiterbildung in der Sozialen Arbeit. In Jörgen Schulze-Krüdener, Hans-Günther Homfeldt & Roland Merten (Hrsg.), Mehr Wissen – mehr Können? Soziale Arbeit als Disziplin und Profession. Hohengehren, S. 125–148.
  • Rosenthal, Gabriele (2015). Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung. Weinheim: Beltz Juventa.
  • Sammet, Kornelia & Erhard, Franz (2018). Methodologische Grundlagen und praktische Verfahren der Sequenzanalyse. Eine didaktische Einführung. In Kornelia Sammet & Franz Erhard (Hrsg.), Sequenzanalyse praktisch (S.15–72). Weinheim: Beltz Juventa.
  • Thomas, Stefan (2019). Ethnografie. Eine Einführung (2. Auflage). Wiesbaden: Springer VS
  • Wernet, Andreas (2009). Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik. (3. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag.

„Was malst du eigentlich?“ Qualitative, kunstpädagogische Perspektiven auf Kommunikation beim digitalen Gestalten im Alter

Bedirhan Tuna (Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Kunstpädagogik)

Forschungskontext: Kommunikation und Alltag sind zunehmend digital geprägt. Digitale Medien gelten damit als Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe, v.a. für marginalisierte Menschen (Bozdağ 2024). Zugleich zeigt der „Digital Skills Gap“ ungleiche Voraussetzungen bei Senior*innen (Initiative D21 2024).

Forschungsfragen: In diesem Kontext wird die explizite und implizite Kommunikation beim digitalen Gestalten im Alter untersucht und spezieller danach gefragt, 1) wie sich Kommunikation beim digitalen Gestalten von Senior*innen – in Gesprächen, Gesten, digitalen Bildern und Kollaborieren – zeigt, 2) welche Bedeutungen die Senior*innen ihrem „Mitmachen“ zuschreiben und 3) inwiefern gemeinsame Gestaltungsprozesse Erfahrungsräume von Verbundenheit und Ausdruck eröffnen.

Methodik: Die qualitative Studie basiert auf digitalen Produktions- und Rezeptionsprozessen. Es wurden teilnehmende Beobachtungen (Kochinka 2010), Interviews (Friebertshäuser & Langer 2010) und Gruppendiskussionen (Mohr 2010) durchgeführt. Digitale Gestaltungsergebnisse werden als eigenständiges Datenmaterial analysiert, um spezifische Formen digitaler Bildsprache sichtbar zu machen (Mohr 2020). Methodisch verbindet die Studie qualitative Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker 2024) mit bildanalytischen Zugängen (Breckner 2010).

Ergebnisse: Anhand der vorläufigen Datenauswertung lässt sich zeigen, dass Senior*innen ihre Beteiligung mit Lern- und Reflexionsgewinnen und Anerkennung verbinden. Sichtbar werden kommunikative Praktiken des Zeigens, Kommentierens, Lachens und stillen „together“, die entgegen isolierenden Alltagserfahrungen stehen.

Diskussion: Diskutiert wird, wie Kommunikation beim digitalen Gestalten über verbale Äußerungen hinaus gefasst werden kann und welche Potenziale partizipativen kunstpädagogischen Settings für digitale Teilhabe und neue Altersbilder zukommt.

Anliegen der Posterpräsentation: Auf dem Poster werden die Daten vernetzt, es wird selbst zum Kommunikationsraum, durch Feedbackmöglichkeit im Layout. Die digitale Bildsprache von Senior*innen soll hervorgehoben und zu Diskussionen im Themenkontext angeregt werden.

Kontakt: Bedirhan.Tuna@lmu.de

Literatur

  • Bozdağ, Ciğdem (2024). Intersektionalität und Teilhabe. Eine kritische Perspektive auf Unsichtbarkeiten in den Medien. In Sabine Eder, Habib Güneşli, Renate Hillen, Claudia Wegener & Rebecca Wienhold (Hrsg.), Un|Sichtbarkeiten? Medienpädagogik, Intersektionalität und Teilhabe (S. 87–97). München: kopaed.
  • Breckner, Roswitha (2010). Sozialtheorie des Bildes. Zur interpretativen Analyse von Bildern und Fotografien. Bielefeld: transcript.
  • Friebertshäuser, Barbara & Langer, Antje (2010). Interviewformen und Interviewpraxis. In Barbara Friebertshäuser, Antje Langer, Heike Boller & Sophia Richter (Hrsg.), Handbuch qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft (S. 437–456). Weinheim: Beltz Juventa.
  • Initiative D21 (2024). D21-Digital-Index 2023/24. Jährliches Lagebild zur Digitalen Gesellschaft. Kantar, https://initiatived21.de/uploads/03_Studien-Publikationen/D21-Digital-Index/2023-24/d21digitalindex_2023-2024.pdf [Abruf: 15.05.2026].
  • Kochinka, Alexander (2010). Beobachtung. In Günter Mey & Katja Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 449–461). Wiesbaden: VS Verlag.
  • Kuckartz, Udo & Rädiker, Stefan (2024). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Umsetzung mit Software und künstlicher Intelligenz (6. Auflage). Weinheim: Beltz Juventa.
  • Mohr, Anja (2010). Wenn sich Kunstpädagogik in die Entwicklung von Hard- und Software einmischt. Die Gruppendiskussion als eine Möglichkeit der Partizipation. In Constanze Kirchner, Johannes Kirschenmann & Monika Miller (Hrsg.), Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck. Forschungsstand/Forschungsperspektiven (S. 465–474). München: kopaed.
  • Mohr, Anja. (2020). Forschungen zur Digitalen Kinderzeichnung. Ein Überblick, https://www.integrale-kunstpaedagogik.de/assets/ikp__kd_digitale_kp_mohr.pdf [Abruf: 15.05.2026].

Gesundheit

Das Verschwinden von Körpern in physiotherapeutischen Behandlungen. Eine methodologische Annäherung durch Dispositivanalyse und neo-materialistische Kartografie

Laura Amanda Haase (Hochschule Furtwangen)

Forschungskontext: In der Physiotherapie werden Körper primär als funktionale Einheiten verstanden (Nicholls 2017; Nicholls & Gibson 2010). Dies ermöglicht eine klare Operationalisierung körperlicher Funktionen, blendet jedoch materielle, emotionale und situative Dynamiken in Beziehungszusammenhängen weitgehend aus. Vor dem Hintergrund aktueller Krisen wird zunehmend diskutiert, Körper stärker als prozesshafte Gefüge zu begreifen, die sich in den Wechselwirkungen zwischen Menschen, Dingen und Umwelten verändern (Haraway 2016; Robson 2025). Daraus ergibt sich ein methodologischer Bedarf, körperliche Dynamiken im Forschungszugang angemessen zu erfassen.

Forschungsfrage: Mit dem Projekt wird eine forschungsmethodologische Fragestellung verfolgt, indem untersucht wird, inwiefern sich Dispositivanalyse und Kartografie als geeignetes Instrumentarium zur Analyse der physiotherapeutischen Praxis verbinden lassen. Darauf aufbauend wird der Frage nachgegangen, unter welchen diskursiven, materiellen und praktischen Bedingungen therapeutische Körper in der physiotherapeutischen Praxis hervorgebracht, stabilisiert und transformiert werden.

Methodik: Die Analyse folgt einem interpretativ-theoretischen Zugang und wird als vertieftes, wiederholtes Lesen (St. Pierre 2013) gestaltet. Darauf aufbauend werden zwei methodologische Perspektiven kombiniert: Mit der Dispositivanalyse (Foucault 1977) werden die historischen Bedingungen und Machtverhältnisse analysiert, die physiotherapeutische Körperverständnisse prägen. Durch die Kartografie (Braidotti 2019; Deleuze 2004) wird dieser Zugang erweitert, um körperliche Prozesse, Affekte und situative Beziehungen analytisch zu erfassen.

Ergebnisse: Der zentrale Beitrag liegt in der methodologischen Erweiterung der Dispositivanalyse. Während der poststrukturalistische Zugang historische und diskursive Bedingungen sichtbar macht, ergänzt die Kartografie aus kritisch-posthumanistischer Perspektive die Analyse körperlicher Prozesse, materieller Verflechtungen und situativer Dynamiken.

Diskussion: Die Verbindung beider Ansätze ermöglicht es, Körper sowohl in ihrer historischen Hervorbringung als auch in ihrer fortlaufenden Veränderung zu analysieren. Gleichzeitig fordert ihre Kombination eine methodologisch reflektierte Auseinandersetzung mit den jeweiligen Stärken und Grenzen beider Ansätze.

Anliegen der Posterpräsentation: Die Präsentation eröffnet erste methodologische Fragestellungen und soll den analytischen Zugriff auf das Forschungsfeld ermöglichen.

Kontakt: lha64886@stud.hs-furtwangen.de | https://orcid.org/0009-0005-6773-0096

Literatur

  • Braidotti, Rosi (2019). A theoretical framework for the critical posthumanities. Theory, Culture & Society, 36(6), 31–61.
  • Deleuze, Gilles & Guattari, Félix (2004 [1980]). A thousand plateaus: Capitalism and schizophrenia. London: Continuum.
  • Foucault, Michel (1977). Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Haraway, Donna J. (2016). Staying with the trouble: Making kin in the chthulucene. Durham & London: Duke University Press.
  • Nicholls, David A. & Gibson, Barbara E. (2010). The body and physiotherapy. Physiotherapy Theory and Practice, 26(8), 497–509.
  • Nicholls, David A. (2017). The end of physiotherapy. Journal of Physiotherapy, 63(2), 67–69.
  • Robson, Ian (2025). Complicit in the catastrophe: Practical progress with Deleuze and Guattari. Qualitative Inquiry, 31(10), 946–958.
  • St. Pierre, Elizabeth A. (2013). Post qualitative research: The critique and the coming after. In Norman K. Denzin & Yvonna S. Lincoln (Hrsg.), Collecting and interpreting qualitative materials (S. 611-625). Thousand Oaks, CA: Sage.

Zwischen Selbstbestimmung und Selbstpathologisierung. Eine subjektivierungsanalytische Annäherung an das Phänomen der Autismus-Selbstdiagnostik

Tove Gersitz (Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Kulturwissenschaft; Internationale Psychoanalytische Universität Berlin)

Ausgangspunkt: In der Literatur wird eine Zunahme von Selbstdiagnosen, v.a. mit Autismus beobachtet (Overton et al. 2023). Während Betroffene ihre Selbstdiagnosen oft als empowernd, sinn- und identitätsstiftend beschreiben, dominiert in Fachkreisen und Medien ein kritischer Blick, der auf das psychiatrisch-psychologische Primat der Diagnostik verweist und vor Fehlinformationen sowie selbsterfüllenden Prophezeiungen warnt (Friedman et al. 2024; Wiesböck 2025). Forschung zu Selbstdiagnostik erfolgte bislang überwiegend aus psychologisch-psychiatrischer und gesundheitswissenschaftlicher Perspektive und setzte den Fokus auf Reliabilität/Validität von Selbstdiagnosen sowie deren explizite Bedeutungen.

Forschungsfragen: Um ein Verständnis des Phänomens zu entwickeln, das dessen implizite individuelle und kollektive Bedeutungen fokussiert, ohne einen spezifischen Autismusbegriff vorauszusetzen, befasse ich mich in dem Promotionsvorhaben mit folgenden Forschungsfragen:

  1. Wie werden in selbstdiagnose-affirmativen Diskursen und biografischen Narrativen selbstdiagnostizierter Personen Autismus und autistische Subjektivitäten konstituiert?
  2. Wie kann die Praxis der Autismus-Selbstdiagnostik in ihrem gesellschaftlichen Kontext anhand poststrukturalistischer Subjektkonzepte verstanden werden?

Methodik: Geplant ist ein subjektivierungsanalytisches Vorgehen (Bosančić 2025), im Rahmen dessen ich zentrale Figuren und Dynamiken des gegenwärtigen selbstdiagnostik-affirmativen Autismusdiskurses zunächst wissensgeschichtlich herleite und anschließend diskursanalytisch aufarbeite. Als Datenmaterial für diese beiden Forschungsschritte dienen Autismus-Fachliteratur der Vergangenheit und Gegenwart, Veröffentlichungen von Angehörigen, Selbsthilfeliteratur, Publikationen von Betroffenenorganisationen sowie Daten aus sozialen Medien. Zur Triangulation und Rekonstruktion von Selbsttechnologien ziehe ich biografisch-narrative Interviews (Rosenthal & Loch 2002) mit selbstdiagnostizierten Erwachsenen heran. Abschließend ordne ich die zentralen Figuren, Entwicklungen und Dynamiken des Diskurses und der biografischen Selbstnarrationen mithilfe von Theorien und Konzepten aus Poststrukturalismus (Foucault 2005; Rose & Abi-Rached 2013) sowie poststrukturalistisch geprägter Psychoanalyse (Lacan 2001) und (Sozial-)Psychologie (Haslam 2016) ein.

Anliegen der Posterpräsentation: Ich erhoffe mir u.a. Austausch über Subjektivierungsforschung und zum Umgang mit disziplinspezifisch abweichenden Anforderungen in interdisziplinären Forschungsvorhaben.

Kontakt: tove.gersitz@ipu-berlin.de

Literatur

  • Bosančić, Saša (2025). Wissen, Selbst und Gesellschaft: Die Forschungsperspektive der Interpretativen Subjektivierungsanalyse. Wiesbaden: Springer VS.
  • Foucault, Michel (2005). Technologien des Selbst. In Daniel Defert Daniel & François Ewald (Hrsg.), Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Band IV. 1980-1988 (S. 966–998). Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Friedman, Alina; Paltoglou, Aspasia & Sorte, Rossella (2024). A qualitative exploration of the experiences of self-diagnosed autistic women and gender-diverse individuals who are not pursuing an autism diagnosis. Neurodiversity, 2, DOI: https://doi.org/10.1177/27546330241307828.
  • Haslam, Nick (2016). Concept Creep: Psychology’s expanding concepts of harm and pathology. Psychological Inquiry, 27(1), 1–17, DOI: https://doi.org/10.1080/1047840X.2016.1082418.
  • Lacan, Jacques (2011). Die Angst: Das Seminar, Buch X. Wien: Turia + Kant.
  • Overton, Gayle L.; Marsà-Sambola, Ferran; Martin, Rachael & Cavenagh, Penny (2024). Understanding the self-identification of autism in adults: a scoping review. Review Journal of Autism and Developmental Disorders, 11(4), 682–702, DOI: https://doi.org/10.1007/s40489-023-00361-x.
  • Rose, Nikolas & Abi-Rached, Joelle (2013). Neuro: The new brain sciences and the management of the mind. Princeton University Press.
  • Rosenthal, Gabriele & Loch, Ulrike (2002). Das Narrative Interview. In Doris Schaeffer & Gabriele Müller-Mundt (Hrsg.), Qualitative Gesundheits- und Pflegeforschung (S. 221–232). Bern: Huber.
  • Wiesböck, Laura (2025). Digitale Diagnosen. Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend. Wien: Paul Zsolnay Verlag.

Multiprofessionelle Haltungen zum assistierten Suizid

Forschungskontext: Mitarbeitende im Gesundheitssystem werden zunehmend mit dem Phänomen des assistierten Suizids konfrontiert. Seitdem § 217 StGB für verfassungswidrig erklärt wurde und die geschäftsmäßige Förderung der Suizidassistenz somit straffrei ist, bestehen auf unterschiedlichen Ebenen Unsicherheiten sowie kontroverse Diskussionen im Umgang mit entsprechenden Wünschen.

Forschungsfrage: Welche Haltungen vertreten Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) gegenüber dem assistierten Suizid?

Methodik: Von Mai bis Juli 2025 wurden sechs multiprofessionelle Fokusgruppeninterviews (Barbour 2005; Krueger & Casey 2014) mit Mitgliedern der DGP durchgeführt. Grundlage bildete ein semistrukturierter Interviewleitfaden, der auf Ergebnissen einer vorangegangenen quantitativen Studie basierte. Da das Forschungsfeld bislang wenig erschlossen ist, steht die systematische Erfassung und Strukturierung manifester Meinungen einer relevanten Fachgruppe mittels qualitativer Inhaltsanalyse (Kuckartz 2022) im Vordergrund.

Ergebnisse: An den Interviews nahmen 40 DGP-Mitglieder teil (55% männlich, 45% weiblich). Die größte Berufsgruppe waren Ärzt*innen (50%, n=20). Es wurden fünf Hauptkategorien entwickelt. Zentrale Themen sind die persönliche Haltung, die sich in akzeptierende, ablehnende und ambivalente Ausprägungen differenzieren lässt, Verantwortungen und Zuständigkeiten auf Mikro-, Meso- und Makroebene sowie wahrgenommene ethische, gesellschaftliche und finanzielle Dilemmata.

Anliegen der Posterpräsentation: Methodisch steht die Finalisierung des Kategoriensystems bei der Analyse kontroverser Fokusgruppendaten im Zentrum. Diskutiert werden soll, wie die inhaltliche Validität und Vollständigkeit der Kategorien gesichert werden können. Auf dem Poster wird die Komplexität des Themas als Straßenbahnnetz visualisiert. Dabei bildet der assistierte Suizid den Hauptbahnhof, die einzelnen Haltestellen stehen für die Haupt- und Subkategorien des Kategoriensystems.

Kontakt: hanna.groeteke@hhu.de

Literatur

  • Barbour, Rosaline S. (2005). Making sense of focus groups. Medical Education, 39(7), 742–750.
  • Krueger, Richard A. & Casey, Mary Anne (2014). Focus groups: A practical guide for applied research (5. Auflage). Thousand Oaks: Sage Publications.
  • Kuckartz, Udo & Rädiker Stefan (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (5. Auflage). Weinheim: Beltz Juventa.

Individuelle Krisenkonstruktionen nach der Corona-Pandemie

Anna Christina Nowak (Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung)

Forschungskontext: Die Corona-Pandemie war ein globales Krisenereignis, das durch ein hohes Maß an Unsicherheit und Handlungsdruck gekennzeichnet war (Schäfers 2024). Wie die Krise durch Menschen mit unterschiedlichen Betroffenheiten rückblickend erlebt und verarbeitet wurde, ist bislang nur unzureichend erforscht.

Forschungsfrage: Wie bedingen unterschiedliche Lebenswelten und rückblickende Deutungen das (gesellschaftliche) Erleben und Verarbeiten der Corona-Pandemie?

Methodik: Es wurden narrative Interviews nach Rosenthal und Loch (2002) mit einem heterogenen Sample (n=20) geführt. Dazu gehörten Querdenker*innen und Impfskeptiker*innen ebenso wie Personen mit chronischen und psychischen Erkrankungen sowie Pflegekräfte und Mediziner*innen. Die Rekrutierung erfolgte über das Schneeballprinzip sowie über eine bestehende quantitative Stichprobe. Die Interviews wurden kategorienbasiert in Anlehnung an die Grounded-Theory-Methodologie (Strauss & Corbin 1996) ausgewertet.

Ergebnisse: Es zeigt sich, dass biografische Erfahrungen, Norm- und Wertvorstellungen und Lebenswelten konstitutiv für die rückblickende Krisenwahrnehmung und das Handeln in unsicheren Zeiten sind. Insbesondere der Impfstatus wird als ein zentraler Bezugspunkt gesellschaftlicher Polarisierung beschrieben. Soziale Beziehungen sind in Teilen brüchig geworden. Abhängig von den jeweiligen Deutungen der Pandemie wird die Krise heute als vergessen, abgeschlossen, als Reflexions- und Lernfeld oder weiterhin spürbar beschrieben.

Diskussion: Als Bedingungsfaktoren für ein nachhaltiges Krisenerleben nach Pandemieende lassen sich eine hohe gesundheitsbezogene Betroffenheit oder ein hohes Maß an erlebter Einschränkung der Selbstbestimmung in Pandemiezeiten identifizieren, die dazu führen können, dass die Krise subjektiv nicht abgeschlossen werden kann. Zugleich zeigt sich, dass Personen, für die die Pandemie inzwischen als „vergessen“ oder „abgeschlossen“ gilt, die Zeit als weniger krisenbehaftet wahrnehmen. 

Anliegen der Posterpräsentation: Durch die Diskussion sollen Impulse für die Weiterentwicklung des Analyseverfahrens gewonnen werden. Denkbar wären beispielsweise auch typenbildende Verfahren, da Personen anhand unterschiedlicher Merkmale gruppiert werden können.

Kontakt: anowak@uni-bielefeld.de

Literatur

  • Rosenthal, Gabriele & Loch, Ulrike (2002). Das Narrative Interview. In Doris Schaeffer & Gabriele Müller-Mundt (Hrsg.), Qualitative Gesundheits- und Pflegeforschung (S. 221–232). Bern: Huber.
  • Schäfers, Bernhard (2024). Krise. In Johannes Kopp & Anja Steinbach (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie (S. 245–247). Wiesbaden: Springer VS.
  • Strauss, Anselm & Corbin, Juliet (1996). Grounded Theory. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz.

Sven-Nelson Ruppert (Carl von Ossieztky Universität Oldenburg Fakultät I)

Forschungskontext: Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste neurologische Erkrankung bei jungen Menschen. Laut DMSG (2026) sind in Deutschland über 280.000 Menschen betroffen, bei einer Inzidenz von ca. 15.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Die Erstdiagnose erfolgt mit ca. 35 Jahren, wobei der Anteil an Frauen höher liegt. MS führt frühzeitig zur Urin- und Stuhlinkontinenz (Kip & Zimmermann 2016). Dies kann zur Aufgabe der Erwerbsarbeit und zur sozialen Isolation führen. Ein frühzeitiger Einsatz von Hilfsmitteln ermöglicht Betroffenen weiterhin ein selbstbestimmtes Leben und soziale Teilhabe.

Forschungsfrage: In dem Promotionsvorhaben wird nach Herausforderungen und Förderfaktoren beim Zugang zu einer adäquaten Hilfsmittelversorgung gefragt. Der Fokus liegt auf dem Erleben der Versorgung durch die Betroffenen und dem Beschreiben des Versorgungsprozesses durch versorgende Berufsgruppen.

Methodik: Zur Rekonstruktion der Lebenswelten werden zwei qualitative Forschungsmethoden mit dem elaborierten Instrument der Selbstauskunft durch problemzentrierte Interviews (Witzel 2000) angewandt. Die Methoden ermöglichen es, speziell in der Datenanalyse, die unterschiedlichen Herausforderungen und Bewältigungsstrategien bei der Inkontinenzversorgung bei MS abzubilden. Mit der Person-Umfeld-Analyse (Schulz & Wittrock 2018) werden die Wirk- und Lebensräume einer Person ins Zentrum gesetzt. So können verschiedene Kontextfaktoren einer Person analysiert werden. Mit der Symptom-Management-Theorie (Bender et al. 2018) ist es möglich, das Erleben und Handeln in suboptimalen Versorgungssituationen durch die Betroffenen zu erheben.

Ergebnisse und Diskussion: Scham, gesellschaftliche Tabuisierung und fehlendes (Fach)Wissen sind bei Betroffenen und Berufsgruppen, so erste Ergebnisse, ursächlich dafür, warum Inkontinenz im Behandlungskontext nicht thematisiert wird. Diskutiert werden kann, ob ein Lotse den Versorgungsprozess optimieren würde.

Kontakt: s.ruppert@ostfalia.de

  • Bender, Melinda S.; Janson, Susan L.; Franck, Linda S. & Lee, Kathryn Aldrich (2018). Theory of symptom management. In Mary Jane Smith & Patricia R. Liehr (Hrsg.), Middel range theory for nursing (4. Auflage, S.147–177). New-York: Springer
  • DMSG https://www.dmsg.de/multiple-sklerose/was-ist-ms [Abruf: 16.06.2026].
  • Kip, Miriam & Zimmermann, Anne (2016). Krankheitsbild Multiple Sklerose. In Miriam Kip, Tonio Schönfelder, & Hans-Holger Bleß (Hrsg.), Weißbuch Multiple Sklerose (S. 5–12). Heidelberg: Springer.
  • Schulz, Gisela C. & Wittrock, Manfred (2018). Von der Feldtheorie zur Person-Umfeld-Analyse. In Jana Alber, Steffen Kaiser & Gisela C. Schulz (Hrsg.), Die Person-Umfeld-Analyse in der Sonder- und Rehabilitationspädagogik. Lehrbuch zur Theorie mit Praxisbeispielen aus unterschiedlichen Handlungsfeldern (S. 22–30). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
  • Witzel, Andreas (2000). Das problemzentrierte Interview. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 22, DOI: https://doi.org/10.17169/fqs-1.1.1132.

Kultur – Identität

Livemusik-Konzerte als Orte der Aushandlung für eine nachhaltige Entwicklung

Teresa Becker (Universität Paderborn)

Forschungskontext: Eine nachhaltige Entwicklung in ihren vielfältigen Dimensionen steht in einem engen Zusammenhang mit gesellschaftlichem und kulturellem Wandel. Hierbei spielen nicht zuletzt Kulturveranstaltungen im Allgemeinen bzw. Livemusik-Konzerte im Besonderen eine besondere Rolle (Flath 2022; Prior 2022; Zaddach 2022). Als verdichtete kulturelle Ereignisse, in denen soziale und kulturelle Bedeutungen nicht nur vermittelt, sondern körperlich erfahrbar und kollektiv ausgehandelt werden (Small 1999; van der Hoeven et al. 2022), bieten Livemusik-Konzerte einen spezifischen Erfahrungsraum. Dieser steht im Hinblick auf seine Potenziale für eine nachhaltige Entwicklung im Zentrum meines Forschungsinteresses.

Forschungsfrage: Inwiefern können Livemusik-Konzerte von Musiker*innen, die sich für eine nachhaltige Entwicklung engagieren, zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen?

Methodik: Da die Forschung über die Rolle der Kultur, insbesondere die Rolle von Livemusik-Konzerten, für eine nachhaltige Entwicklung noch wenig erforscht ist, habe ich mich für den Forschungsansatz der Grounded-Theory-Methodologie (Charmaz 2012; Strauss & Corbin 1996) entschieden. Die Daten werden mithilfe leitfadengestützter Interviews (Helfferich 2014) mit Konzertgästen und ausgewählten Musiker*innen sowie mithilfe teilnehmender Beobachtung (Thierbach & Petschik 2014) im Rahmen der Konzerte der ausgewählten Musiker*innen iterativ erhoben und ausgewertet. Die Erhebung startete im Mai 2025 und wird bis Mitte 2027 andauern.

Ergebnisse: Da ich mich zum aktuellen Zeitpunkt in der Datenerhebung und Auswertung befinde, können noch keine gesicherten Ergebnisse geteilt werden.

Anliegen der Posterpräsentation: Vorstellung und Diskussion des Projekts, Erfahrungsaustausch zur Auswertung und Theoriegenerierung mit der Grounded-Theory-Methodologie.

Kontakt: te.becker@web.de

Literatur

  • Charmaz, Kathy (2012). Constructing grounded theory: A practical guide through qualitative analysis. London: SAGE.
  • Helfferich, Cornelia (2014). Leitfaden- und Experteninterviews. In Nina Baur & Jörg Blasius (Hrsg.), Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung (S. 559–574). Wiesbaden: Springer VS.
  • Flath, Beate (2022). Transdisziplinäre Eventforschung als Möglichkeitswissenschaft. Überlegungen zum Vermittlungs- und Moderationspotential von Events. In Beate Flath, Ina Heinrich, Christoph Jacke , Heinrich Klingmann & Maryam Momen Pour Tafreshi (Hrsg.), Druckwellen. Eskalationskulturen und Kultureskalationen in Pop, Gesellschaft und Politik (S. 83–96.
  • Prior, Helen M. (2022). How Can music help us to address the climate crisis? Music & Science, 5, 1–16.
  • Small, Christopher (1999). Musicking — the meanings of performing and listening. A lecture. Music Education Research, 1(1), 9–22.
  • Strauss, Anselm L. & Corbin, Juliet M. (1996). Grounded Theory: Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz.
  • Thierbach, Cornelia & Petschik, Grit (2014). Beobachtung. In Nina Baur & Jörg Blasius (Hrsg.), Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung (S. 855–866). Wiesbaden: Springer VS.
  • van der Hoeven, Arno; Everts, Rick; Mulder, Martijn; Berkers, Pauwke; Hitters, Erik & Rutten, Paul (2022). Valuing value in urban live music ecologies: negotiating the impact of live music in the Netherlands. Journal of Cultural Economy, 15(2), 216–231.
  • Zaddach, Wolf-Georg (2022). „Death of Mother Earth, Never a Rebirth“? Zum Verhältnis von Musik, Klimawandel und ökologischer Nachhaltigkeit. In Beate Flath, Christoph Jacke & Manuel Troike (Hrsg.), Transformational POP: Transitions, Breaks, and Crises in Popular Music (Studies) [Vibes – The IASPM D-A-CH Series 2, S. 101–20], http://vibes-theseries.org/02-2022/ [Abruf: 26.6.2026].

Mit Sprache über Sprach(-färbungen). Rekonstruktionen mithilfe der dokumentarischen Methode

Sarah Boysen (Ruhr Universität Bochum, Universität Duisburg-Essen)

Forschungskontext: Sprachgebräuche gehen oft mit Bewertungen der Sprecher*innen einher. Bourdieu (1990) beschreibt eine „legitime Sprache“, die Machtasymmetrien reproduziert, etwa durch Dialektabwertung. Das Sächsische schneidet in Erhebungen negativ ab (Gärtig, Plewina & Rothe 2010), Kiezdeutsch (Wiese 2012) wird als „schlechte Sprache“ entwertet. Sprecher*innen dieser Sprachfärbungen werden von der „Dominanzkultur“ (Rommelspacher 1998) ausgeschlossen und bleiben marginalisiert. Der Analogie zwischen ostdeutschen und postmigrantischen Erfahrungsräumen (Foroutan & Kubiak 2018) folgend, habe ich qualitative Interviews mit Postmigrant*innen aus dem Ruhrgebiet (als Beispiel für Kiezdeutsch) und Menschen aus Sachsen (für den ostdeutschen Raum) geführt.

Forschungsfragen: In meiner Studie frage ich:

  • Auf welche Erzählungen über (ihre) Sprache greifen Sprecher*innen aus Sachsen und dem Ruhrgebiet zurück?
  • Welche Orientierungsrahmen haben die Sprecher*innen bzgl. ihres Sprachgebrauchs?
  • Von welchen Selbst- und Fremdzuschreibungen gehen sie aus?

Methodik: Es werden problemzentrierte Interviews (Witzel 2000) mit Menschen aus Sachsen und dem Ruhrgebiet geführt. Die Fallauswahl erfolgte durch die räumlichen Kriterien sowie kontrastiv, um die Fälle hinsichtlich ihrer Orientierungen in Beziehung zu setzen. Mithilfe der dokumentarischen Methode (Bohnsack, Nohl & Nentwig-Gesemann 2013) werden implizite Orientierungen an und mit Sprache rekonstruiert. Als theoretische Rahmung dienen die praxeologische Wissenssoziologie (Mannheim 1964) und eine sprachtheoretische Perspektive (Bourdieu 1990).

Diskussion: Das Poster ist in das Forschungsdesign und eine Reflexion über die Anwendung der Methode aufgeteilt, um besonders die Doppelseitigkeit des Zugangs von Sprache über Sprache zu diskutieren.

Anliegen der Posterpräsentation: Ich hoffe auf kritischen Austausch über die sinnvoll(st)e Methodenanwendung und -umsetzung im Rahmen des Projekts und eine angeregte (Methoden-)Diskussion.

Kontakt: sarah.boysen@uni-due.de / https://mit-sprache.ruhr-uni-bochum.de/sarah-boysen/

Literatur

  • Bohnsack, Ralf; Nohl, Arnd-Michael & Nentwig-Gesemann, Iris (Hrsg.) (2013). Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis (3., aktualisierte Auflage). Wiesbaden: Springer.
  • Bourdieu, Pierre (2015 [1990]). Was heißt Sprechen? Zur Ökonomie des sprachlichen Tausches. Budapest: New Academic Press.
  • Foroutan, Naika & Kubiak, Daniel (2018). Ausschluss und Abwertung: Was Muslime und Ostdeutsche verbindet. Blätter für deutsche und internationale Politik 7/2018, 93–102.
  • Gärtig, Anne-Kathrin; Plewina, Albrecht & Rothe, Astrid (2010). Wie Menschen in Deutschland über Sprache denken. Ergebnisse einer bundesweiten Repräsentativerhebung zu aktuellen Spracheinstellungen. Mannheim: IDS.
  • Mannheim, Karl (1964). Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk. Soziologische Texte (28). Neuwied: Luchterhand.
  • Rommelspacher, Birgit (1998). Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht. Berlin: Orlanda Frauenverlag.
  • Wiese, Heike (2012). Kiezdeutsch: Ein neuer Dialekt entsteht. München: Beck.
  • Witzel, Andreas (2000). Das problemzentrierte Interview. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 22, DOI: https://doi.org/10.17169/fqs-1.1.1132.

Der schönste Tag im Leben? Heiraten als latente Bearbeitung nomischer Strukturdefizite

Rabea Mette (Universität Osnabrück)

Forschungskontext: Eröffnete eine Eheschließung im Golden Age of Marriage für Paare die Möglichkeit, ein gemeinsames Leben zu beginnen, stellt sie gegenwärtig eine Option der Lebensgestaltung dar (Burkart 2018). Als Übergangsritual markierte sie in den 1950er bis 1970er Jahren eine Statuspassage und war Ausgangspunkt eines nomischen Strukturbildungsprozesses (Berger & Kellner 2014): Mit einer Hochzeit wurde aus einem verliebten Paar ein Ehepaar, das eine eigene Alltagswirklichkeit hervorbrachte, eine Paaridentität herausbildete und über geteilte Sozialbeziehungen verfügte. Heutzutage ist die Nomosbildung der Hochzeit vorgelagert. Weil eine Hochzeit keine Statuspassage mehr ist, ist sie in beziehungsstruktureller Hinsicht erklärungsbedürftig. Da Hochzeiten zunehmend eventförmig und insofern planerisch aufwendig wie kostenintensiv gefeiert werden (Bührmann & Thiele-Manjali 2014), gilt dies umso mehr.

Forschungsfrage: Welche beziehungsstrukturelle Bedeutung hat eine Hochzeit gegenwärtig für Paarbeziehungen?

Methodik: Paarinterviews (Wimbauer & Motakef 2017) und „natürliche“ Protokolle (Maiwald 2023) wie Einladungskarten und Dankeskarten werden fallrekonstruktiv (Wernet 2021) ausgewertet.

Ergebnisse: Objektiv betrachtet bearbeiten Paare mit einer Hochzeit ein nomisches Strukturdefizit. Bedeutsam ist die eventförmige Ausgestaltung der Hochzeitsfeier, über deren außeralltägliche Ordnung sich die Paareinheit selbstinszenierend und vergemeinschaftend hervorbringt.

Anliegen der Posterpräsentation: Am Beispiel der Hochzeit möchte ich die Strukturen von Paarbeziehungen und den Stellenwert der Institution Ehe in der Gegenwartsgesellschaft diskutieren.

Kontakt: rabea.mette@uni-osnabrueck.de

Literatur:

  • Berger, Peter L & Kellner, Hansfried (2014). Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit. In Barbara Kuchler & Stefan Beher (Hrsg.), Soziologie der Liebe (S.190–213). Berlin: Suhrkamp.
  • Burkart, Günter (2018). Soziologie der Paarbeziehung. Eine Einführung. Wiesbaden: Springer VS.
  • Bührmann, Andrea D. & Thiele-Manjali, Ulrike (2014). Hochzeiten und Heiraten als „rite de confirmation“: performative Herstellung geschlechtlicher Eindeutigkeiten in Zeiten des Wandels. GENDER, 2, 9–23.
  • Maiwald, Kai-Olaf (2023). Forschungsinterviews. In Andreas Franzmann, Marianne Rychner, Claudia Scheid & Johannes Twardella (Hrsg.), Objektive Hermeneutik (S. 123–146). Opladen: Budrich.
  • Wernet, Andreas (2021). Einladung zur Objektiven Hermeneutik. Opladen: Budrich.
  • Wimbauer, Christine & Motakef, Mona (2017). Das Paarinterview: Methodologie – Methode – Methodenpraxis. Wiesbaden: Springer VS.

Nastassia Rozum (Universität Osnabrück)

Forschungskontext: Migrationsbedingt mehrsprachige Familien navigieren stetig zwischen dem Erhalt ihrer Familiensprache(n) und den Anforderungen habituell monolingualer Bildungsinstitutionen (Gogolin 1994). In dem Projekt wird der institutionell induzierte Language Shift untersucht: Eltern schränken die Weitergabe ihrer Familiensprache(n) ein, um vermeintliche schulische Nachteile zu vermeiden. Dies kann familiäre Identitäten gefährden und zu schmerzhaften intergenerationalen Kommunikationsabbrüchen führen.

Forschungsfragen: Vor diesem Hintergrund werden folgende drei Untersuchungsfragen verfolgt:

  • Wie rekonstruieren migrationsbedingt mehrsprachige Familien ihre Familiensprachbiografien und ihre familiensprachpolitischen Entscheidungen im Kontext bildungspolitischer Erwartungshaltungen?
  • Wie wirkt sich die Sprachumstellung auf die familiären Binnenbeziehungen und die intergenerationale Teilhabe aus?
  • Wie rekonstruieren Familien die sprachbezogenen Erwartungen pädagogischen Fachpersonals und institutionelle Beratungssituationen?

Methodik: Datengrundlage bilden familienbiografische Interviews (Przyborski & Wohlrab-Sahr 2021: 146) bzw. Familiengespräche (Schmitt 2024) mit migrationsbedingt mehrsprachigen Familien in Deutschland. Um diese hochkomplexe Interaktionssituation zu strukturieren und alle Familienmitglieder – unabhängig von Alter und verbaler Ausdrucksfähigkeit – altersgerecht zur Partizipation zu aktivieren, werden neben einem Erzählimpuls visuell-kreative Elizitationsverfahren (Kalaja & Melo-Pfeifer 2019) in die Datengenerierung integriert.

Die Interpretation der so entstehenden multimodalen Daten erfolgt mittels der Situationsanalyse (Clarke 2012), um komplexe Machtdynamiken, (institutionelle) Akteure, nicht-menschliche Aktanten und diskursive Rahmungen der Familiensprachbiografien sichtbar zu machen (Ballweg 2022). Die Verbindung der vielstimmigen Familiengespräche mit der Situationsanalyse fungiert im Projekt als Brücke von der intimen Mikroebene der familiären Praxis zur makrostrukturellen Einbettung in bildungspolitische Diskurse.

Ergebnisse: Das Projekt befindet sich in der Initialphase. Präsentiert wird das methodische Forschungsdesign mit Fokus auf die Instrumente der Datengenerierung.

Anliegen der Posterpräsentation: Die Diskussion am Poster fokussiert methodologische und forschungspraktische Herausforderungen der Datengenerierung zur Erfassung von Familiensprachbiografien. Im Zentrum stehen (mehrsprachige) Familiengespräche als Erhebungsform und die Gestaltung dieser Interaktionssituation durch visuell-kreative Zugänge.

Kontakt: nastassia.rozum@uni-osnabrueck.de

Literatur

  • Ballweg, Sandra (2022). Anticipating expectations. Family language policy and its orientation to the school system. International Journal of Multilingualism, 19 (2), 251–268.
  • Clarke, Adele E. (2012). Situationsanalyse: Grounded Theory nach dem Postmodern Turn. Wiesbaden: Springer VS.
  • Gogolin, Ingrid (1994). Der Monolinguale Habitus der multilingualen Schule. Münster: Waxmann.
  • Schmitt, Johanna (2024). Das Familiengespräch. Methodologische Betrachtungen einer vernachlässigten Erhebungsform. Kindheitsforschung – Working Paper 7. Mainz: Johannes Gutenberg-Universität.

Komplementär statt standardisierend: Eine Mixed-Methods-Methodologie für die Erforschung von Religiosität

Andreas Warmbrunn (Universität Leipzig)

Forschungskontext:  Das zentrale Argument für Mixed-Methods-Forschung ist einerseits ein zusätzlicher Erkenntnisgewinn durch die Kombination von Methoden mit unterschiedlichen epistemologischen Zugängen zum Untersuchungsgegenstand. Diese unterschiedlichen epistemologischen Zugänge beruhen andererseits, im Fall des Positivismus und Konstruktivismus, auf ontologischen Prämissen, die sich gegenseitig ausschließen (Shannon-Baker 2016; Timans, Wouters & Heilbron 2019). Orientiert man die qualitative Forschung näher an der standardisierenden quantitativen Logik, um diese Spannung aufzulösen, riskiert man, subjektive Sinnstrukturen außen vor zu lassen. Kombiniert man dagegen quantitative mit rekonstruktiv ausgerichteten qualitativen Methodenansätzen, besteht die Gefahr, zwei weitestgehend unabhängige Forschungsprojekte mit wenigen Integrationspunkten umzusetzen (Creswell & Plano Clark 2018; Hampson & McKinley 2023).

Forschungsfrage:  Angesichts dieses Spannungsverhältnisses wird hinsichtlich der Mixed-Methods-Methodologie gefragt, wie es gelingen kann, qualitative und quantitative Methoden zu integrieren, wenn der Untersuchungsgegenstand ein rekonstruktives Vorgehen erfordert. Dieser Untersuchungsgegenstand ist im Fall meiner Dissertation die individuelle Religiosität Konfessionsloser. Im Kontext zunehmender Kirchenaustritte stellt sich die Frage, welche Formen von Religiosität außerhalb von religiösen Organisationen zu beobachten sind bzw. was an die Stelle religiöser Sinndeutung tritt.

Methodik: Die vorgeschlagene komplementäre Mixed-Methods-Methodologie beinhaltet drei „Points of Integration“. Der Untersuchungsgegenstand wird erstens als Struktur begrenzter Reichweite konzipiert (Kelle 2008). Hinsichtlich der Religion und Religiosität bedeutet dies, dass sie sowohl gesellschaftlich vorstrukturiert als auch in Form von Deutungsmustern beständig situativ aufrechterhalten wird. Zweitens wird das qualitative Sample auf der Basis quantitativer Forschungsdesiderate gebildet (Creswell & Plano Clark 2018). Drittens werden die Idealtypen der quantitativen Clusteranalyse mit den sinngenetischen Typen der dokumentarischen Analyse verglichen (Nohl 2017).

Diskussion: Es wird dafür plädiert, die Spannung zwischen standardisierenden und rekonstruktiven Verfahren nicht aufzulösen, sondern methodologisch produktiv zu machen. Der damit ermöglichte Erkenntnisgewinn geht jedoch mit erhöhten Anforderungen an die theoretische Integration im Mixed-Methods-Design einher.

Anliegen der Posterpräsentation: Mit dem Poster soll am Beispiel der Religiositätsforschung dargestellt werden, wie quantitative und rekonstruktiv ausgerichtete qualitative Methoden durch eine komplementäre Methodologie innerhalb eines Mixed-Methods-Projekts kombiniert werden können.

Kontakt: andreas.warmbrunn@gmail.com   

Literatur

  • Creswell, John W. & Plano Clark, Vicki L. (2018). Designing and conducting mixed methods research. Los Angeles: Sage.
  • Hampson, Timothy & McKinley, Jim (2023). Problems posing as solutions: Criticising pragmatism as a paradigm for mixed research. Research in Education, 116(1), 124–138.
  • Kelle, Udo (2008). Die Integration qualitativer und quantitativer Methoden in der empirischen Sozialforschung. Theoretische Grundlagen und methodologische Konzepte. Wiesbaden: VS Verlag.
  • Nohl, Arnd-Michael (2017). Interview und dokumentarische Methode. Anleitungen für die Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer VS.
  • Shannon-Baker, Peggy (2016). Making paradigms meaningful in mixed methods research. Journal of Mixed Methods Research, 10(4), 319–334.
  • Timans, Rob; Wouters, Paul & Heilbron, Johan (2019). Mixed methods research: What it is and what it could be. Theory and Society, 48(2), 193–216.

Arbeit

Alter(n) in der Zuwanderungsgeschichte: Arbeitsmigrant*innen aus Nordafrika im Rahmen der Anwerbeabkommen der 1960er Jahre in der BRD

Sarrah Bock (Technische Universität Dortmund)

Ausgangspunkt: Bereits seit den 1960er Jahren prägt Arbeitsmigration die Bundesrepublik der Nachkriegszeit: Im Rahmen der Anwerbeabkommen kamen zahlreiche Arbeitsmigrant*innen aus Nordafrika, insbesondere aus Marokko (ab 1963) und Tunesien (ab 1965), in die BRD. Diese Arbeitsmigrant*innen aus Nordafrika nehmen in der deutschen Einwanderungsgeschichte eine besondere Stellung ein, ihre spezifischen Lebenslagen weisen jedoch in der wissenschaftlichen Betrachtung eklatante Leerstellen auf.

Forschungsfragen: Im Fokus des Projekts stehen deshalb die Wahrnehmungen von Alter(n) der ersten Generationen, wobei ein intergenerationaler Vergleich berücksichtigt wird. Dabei wird Alter(n) als Differenzkategorie verstanden und intersektional mit weiteren sozialen Dimensionen wie Race und Gender verknüpft, indem nicht nur generell danach gefragt, 1., was Alter(n) in der Migration bedeutet, sondern 2. wie Rassismus den Lebensverlauf prägt und 3. welche Rolle das Geschlecht spielt. Diese Fragen verdeutlichen nicht nur eine Anlehnung an die Critical Race Theory nach (Delgado & Stefancic 2023), sondern berücksichtigen auch den Fokus auf den Lebenslauf (Elder 1994).

Methodik: Die Datenerhebung erfolgt durch Einzel-, Gruppen- und Familieninterviews (Helfferich 2011); ausgewertet werden die Daten mithilfe der reflexiven Grounded-Theory-Methodologie (Breuer, Offenberger & Schwertel 2026). Zur Vertiefung der Differenzkategorie Race wird auch auf die Situationsanalyse (Clarke 2012) zurückgegriffen. Als Erzählstimulus und zur Anreicherung des gesprochenen Worts findet darüber hinaus eine Photo-Elicitation (Harper 2002) Verwendung.

Ergebnisse: Anhand der ersten Auswertungen zeigt sich, dass die langjährige Konfrontation mit Rassismus und prekären Arbeitsverhältnissen den Alterungsprozess marokkanischer und tunesischer Migrant*innen in Deutschland geprägt hat. Jahrzehntelange körperlich anstrengende Arbeit, bei der der Körper als rassifizierte Arbeitskraft behandelt wurde, führte zu chronischen Gesundheitsproblemen und Behinderungen im späteren Leben.

Diskussion: In der Diskussion soll die Reflexion meiner Forschungsperspektive und deren Einfluss auf die Ergebnisse fokussiert werden, da die jeweilige Forschungsposition die Wahrnehmung und Interpretation des Untersuchungsgegenstands prägt und somit die Ergebnisse mitbestimmt.

Anliegen der Posterpräsentation: Gerne würde ich auf der Tagung meine Methoden zur Diskussion stellen und vor allem die Verbindung von reflexiven Grounded-Theory-Methodologie und Situationsanalyse bezogen auf meinen Gegenstand reflektieren.

Kontakt: sarrah.bock@tu-dortmund.de

Literatur

Rekonstruktion von „Teilhabe“ in Gruppendiskussionen durch die Triangulation von dokumentarischer Methode und systematischer Metaphernanalyse

Carolin F. Feß (Humboldt Universität Berlin, Institut für Rehabilitationswissenschaften; Katholische Hochschule Münster)

Forschungskontext/Ausgangspunkt: „Der Diskurs um den Begriff der Teilhabe und seine inhaltlichen Bedeutungen ist von einer großen Heterogenität geprägt“ (Ortland & Scholten 2022, S. 478). Trotz existierender Erklärungsversuche (u.a. Bartelheimer et al. 2020) wird der Begriff als „in weiten Teilen noch klärungsbedürftig“ (Wansing et al. 2022, S. 6) beschrieben. Während „Teilhabe“ vielfach und aus verschiedenen Perspektiven untersucht wird, liegen bisher kaum Erkenntnisse darüber vor, wie Fachkräfte in Organisationen der Arbeitsmarktintegration „Teilhabe“ verstehen und praktisch herstellen. Dies wird in der Dissertation praxeologisch-wissenssoziologisch rekonstruiert. Das Handlungsfeld der Arbeitsmarktintegration in den Mittelpunkt zu stellen, ist deshalb lohnend, weil diese im erwerbszentrierten Wohlfahrtstaat besonders im Fokus von Politik und Gesellschaft gerückt wird (Lehweß-Litzmann & Leßmann 2017). Dabei wird „Teilhabe“ zunächst als Gegenstandsbereich verstanden, dessen konkrete Bedeutungen nicht vorausgesetzt, sondern empirisch rekonstruiert werden. Zentrale, in der theoretischen Vorarbeit genutzte Texte wurden entlang der systematischen Metaphernanalyse (Schmidt 2017) analysiert, um Vorannahmen zu explizieren.

Forschungsfrage: Mit dem Forschungsvorhaben werden bisher unberücksichtigte Perspektiven in der Teilhabeforschung adressiert, um ein differenzierteres Verständnis von Teilhabe zu ermöglichen. Konkret wird danach gefragt, wie sich „Teilhabe“ im Orientierungsrahmen von Fachkräften im Bereich der Arbeitsmarktintegration dokumentiert.

Methodik: Vorgesehen sind sechs Gruppendiskussionen (Bohnsack 2021; Przyborski & Riegler 2010) mit Fachkräften aus Jobcentern und Bildungsträgern – hiervon wurden bereits zwei Diskussionen (Stand Mai 2026) durchgeführt. Die Auswertung geschieht entlang der dokumentarischen Methode (Bohnsack 2021; Bohnsack et al. 2013) und der systematischen Metaphernanalyse (Schmitt 2017; Schmitt et al. 2018). Die systematische Metaphernanalyse wurde hinzugezogen, um neben den Fokussierungsmetaphern der dokumentarischen Methode auch andere metaphorische Wendungen angemessen analysieren zu können. Hintergrund ist, dass „Teilhabe“ selbst bereits im Sinne der systematischen Metaphernanalyse als metaphorische Wendung verstanden werden kann und weitere metaphorische Wendungen zur Umschreibung für ein gemeinsames Verstehen besonders wichtig sind.

Anliegen der Posterpräsentation: Ich lade zur Diskussion über das Forschungsdesign ein, insbesondere zur Verknüpfung von dokumentarischer Methode und systematischer Metaphernanalyse für die Rekonstruktion konjunktiver Wissensbestände über „Teilhabe“.

Kontakt: carolin.friederike.fess@student.hu-berlin.de; c.fess@katho-nrw.de

Literatur

  • Bartelheimer, Peter; Behrisch, Birgit; Daßler, Henning; Dobslaw, Gudrun; Henke, Jutta & Schäfers, Markus (2020). Teilhabe – eine Begriffsbestimmung. Wiesbaden: Springer VS.
  • Bohnsack, Ralf (2021). Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden (10. Auflage). Opladen: UTB/Verlag Barbara Budrich.
  • Bohnsack, Ralf; Nentwig-Gesemann, Iris & Nohl, Arnd-Michael (2013). Einleitung: Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. In Ralf Bohnsack, Iris Nentwig-Gesemann & Arnd-Michael Nohl (Hrsg.), Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. Grundlagen qualitativer Sozialforschung (S. 9–32). Wiesbaden: Springer VS.
  • Lehweß-Litzmann, René & Leßmann, Ortrud (2017). Wie Teilhabe produziert wird. In Forschungsverbund Sozioökonomische Berichterstattung (Hrsg.), Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland: Exklusive Teilhabe – ungenutzte Chancen; dritter Bericht (S. 1–27). Bielefeld: wbv Media GmbH & Co. KG, DOI: https://doi.org/10.3278/6004498w002.
  • Ortland, Barbara & Scholten, Ann-Kathrin (2022). Organisationskulturen als Garant und Hindernis für Teilhabeforschung. In Gudrun Wansing; Markus Schäfers & Swantje Köbsell (Hrsg.), Teilhabeforschung – Konturen eines neuen Forschungsfeldes. (S. 477–494) Wiesbaden: Springer VS Verlag.
  • Przyborski, Aglaja & Riegler, Julia (2010). Gruppendiskussion und Fokusgruppe. In Günter Mey & Katja Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (S. 436–448). Wiesbaden: VS Verlag.
  • Schmitt, Rudolf (2017). Systematische Metaphernanalyse als Methode der qualitativen Sozialforschung. Wiesbaden: Springer VS.
  • Schmitt, Rudolf; Schröder, Julia & Pfaller, Larissa (2018). Systematische Metaphernanalyse. Eine Einführung. Wiesbaden: Springer VS.
  • Wansing, Gudrun; Schäfers, Markus & Köbsell, Swantje (2022). Teilhabeforschung – ein neues Forschungsfeld profiliert sich. In Gudrun Wansing, Markus Schäfers & Swantje Köbsell (Hrsg.), Teilhabeforschung – Konturen eines neuen Forschungsfeldes (S. 1–8). Wiesbaden: Springer VS.

Multilingualismus als Herausforderung in einem qualitativen und transnationalen Forschungsprojekt in Deutschland und den USA

Gülten Gizem Fesli (Universität Bayreuth)

Forschungskontext: Die Arbeitssituation transnationaler Care-Arbeiter*innen ist von Prekarität geprägt (Aulenbacher, Palgenga-Möllenbeck & Schwiter 2024). Bemühungen zur Verbesserung dieser Situation in Deutschland etwa durch gewerkschaftliche Organisierung sind wegen migrationspolitischer Hürden begrenzt. Im Gegensatz dazu machte die Organisierung transnationaler Care-Arbeiter*innen in den USA, insbesondere in der kalifornischen United Domestic Workers-Gewerkschaft (UDW), Fortschritte.

Forschungsfrage: Es wird der Frage der gewerkschaftlichen Organisierung transnationaler Care-Arbeiter*innen in Deutschland und den USA nachgegangen. Insbesondere interessiere ich mich für intersektionale Strategien der Organisierung, die Race, Klasse und Gender einbeziehen.

Methodik: Für die Durchführung qualitativer Leitfadeninterviews (Helfferich 2014) mit Gewerkschaftsexpert*innen und Care-Arbeiter*innen nutze ich narrative sowie übersetzte Passagen (Bahadır 2020) aus dem Spanischen und Rumänischen. Daneben wurden Gewerkschaftsveranstaltungen beobachtet (Hirschauer & Ammann 1997). Für die Auswertung wurde die qualitative Inhaltsanalyse (Mayring 2010) ausgewählt.

Ergebnisse: Die Analysen zeigen, dass eine wichtige Struktur die Mehrsprachigkeit von Organizer*innen ist, da sich die UDW als Gewerkschaft für migrantische Frauen definiert.

Kontakt: gizem.fesli@uni-bayreuth.de

Literatur

  • Aulenbacher, Brigitte; Lutz, Helma; Palenga-Möllenbeck Ewa & Schwiter, Karin (2024). Home care for sale. The transnational brokering of senior care in Europe. London: Sage.
  • Bahadır, Şebnem (2020). Das Politische in Stimme und Blick der Feldforscher_in/Dolmetscher_in. In Angela Treiber, Kerstin Kazzazi & Marina Jaciuk (Hrsg.), Migration Übersetzen: Alltags- und Forschungspraktiken des Dolmetschens im Rahmen von Flucht und Migration (S. 183–207). Wiesbaden: Springer VS.
  • Helfferich, Cornelia (2014). Leitfaden- und Experteninterviews. In Nina Baur & Jörg Blasius (Hrsg.), Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung (S. 559–574). Wiesbaden: Springer VS.
  • Hirschauer, Stefan & Amann, Klaus (Hrsg.) (1997). Die Befremdung der eigenen Kultur: Zur ethnographischen Herausforderung soziologischer Empirie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Mayring, Philipp (2010). Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken (11. Auflage). Weinheim: Beltz.

Der MINT-Gender-Gap aus der Perspektive des Dynamic Holistic Convergence Model (DHCM): Erste Ergebnisse einer Interviewstudie mit weiblichen Fach- und Führungskräften in technischen Berufsfeldern

Brigitte Merz (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)

Forschungskontext: In zahlreichen Studien wurde untersucht, warum der Frauenanteil in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) so niedrig ist. Als Ursachen wurden fehlende weibliche Rollenvorbilder und weit verbreitete Stereotype festgestellt (u.a. Wang & Degol 2017). Gemäß dem Dynamic Holistic Convergence Model (DHCM) wird davon ausgegangen, dass gesellschaftlicher Wandel mit einer Verbesserung der Situation von Frauen in MNT-Berufen einhergehen kann. Empirisch ist zu klären, welche sozialen Normen (Erwartungen, ungeschriebene Regeln) und welche Geschlechternormen (Verhaltensregeln, wie sich Frauen und Männer verhalten sollen) sich wandeln müssen, um das Interesse von Frauen an MINT-Fächern zu erhöhen.

Forschungsfrage: Vor diesem Hintergrund ist von Interesse, welche objektiven, subjektiven und normativen Faktoren den Erfolg von Frauen in MINT-Fach- und Führungspositionen beeinflussen.

Methodik: Mit Informatikerinnen und Ingenieurinnen sollen problemzentrierte Interviews (Witzel & Reiter 2022) geführt werden. Dazu wurden die theoretisch fundierten Dimensionen des DHCM-Modells als theoriegeleitete Heuristik für den Interviewleitfaden operationalisiert. Objektive Faktoren erfassen strukturelle und biografische Bedingungen, subjektive Faktoren die individuelle Wahrnehmung und Identität, normative Faktoren die geteilten Werte und informellen Regeln im Feld. Ausgewertet werden die Interviews mit einem deduktiven Kategoriensystem im Sinne der qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring 2022), wobei das analytische DHCM-Modell als strukturierendes Element dient.

Anliegen der Posterpräsentation: Zur Diskussion stellen möchte ich die Frage, ob sich das theoretische Konzept und die empirische Umsetzung in meiner Studie eignen oder in welcher Weise noch Modifikationen und Erweiterungen notwendig sind.

Kontakt:  brigitte.merz@fau.de / https://www.edupsy.phil.fau.de/team/

Literatur

  • Mayring, Philipp (2022). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (13. Auflage). Weinheim: Beltz.
  • Wang, Ming-Te & Degol, Jessica Lauren (2017). Gender gap in science, technology, engineering, and mathematics (STEM): Current knowledge, implications for practice, policy, and future directions. Educational Psychology Review, 29(1), 119–140, DOI: https://doi.org/10.1007/s10648-015-9355-x.
  • Witzel, Andreas & Reiter, Herwig (2022). Das problemzentrierte Interview – eine praxisorientierte Einführung. Weinheim: Beltz.

Zwischen institutioneller Semantik und professioneller Selbstdeutung. Explorative Metaphernanalysen zur Arbeitsvermittlung in SGBII

Maja Niestroj (Berlin Practical Philosophy International Forum e.V.)

Forschungskontext: Arbeitsvermittlung im SGB II ist ein institutionell geprägtes Handlungsfeld, in dem Vermittlungsfachkräfte regelmäßig mit Leistungsberechtigten interagieren. Im beruflichen Sprachgebrauch zeigen sich wiederkehrende metaphorische Ausdrucksweisen, mit denen institutionelle Prozesse, Handlungspraxen und berufliche Erfahrungen beschrieben werden. Diese Metaphern bilden den Ausgangspunkt der Untersuchung.

Forschungsfrage: Welche metaphorischen Konzepte strukturieren die Selbstdeutungen von Arbeitsvermittler*innen und welche professionellen Sinnstrukturen lassen sich darüber rekonstruieren?

Methodik: Die Datengrundlage bilden ethnografische Feldnotizen aus teilnehmender Beobachtung im Kontext von Hospitationen in der Arbeitsvermittlung (Emerson, Fretz & Shaw 2011). Die Auswertung erfolgt auf Grundlage der Metapherntheorie von Lakoff und Johnson (1980, 1999) mittels systematischer Metaphernanalyse (Schmitt 2017; Schmitt et al. 2022).

Ergebnisse: Erste Analysen deuten darauf hin, dass Arbeitsvermittler*innen ihre Rolle teils über ein institutionelles „Wir“, teils in Distanz zu institutionellen Anforderungen beschreiben. Die rekonstruierten metaphorischen Konzepte verweisen auf ein Spannungsverhältnis zwischen klientenorientierter Unterstützung und institutioneller Verbindlichkeit. Auffällig ist die Verschränkung eines Hilfediskurses („Ich möchte Ihnen helfen“) mit festen Begriffen und Sprachbildern des institutionellen Regelvollzugs wie „Mitwirkung“, „Verpflichtung“ oder „Voraussetzungen“, die rechtliche Anforderungen in alltagspraktisches Handeln übersetzen.

Diskussion: Diskutiert wird, inwiefern metaphorische Konzepte als Zugang zu professionellen Selbstbildern von Arbeitsvermittler*innen dienen können. Im Fokus stehen Deutungen der eigenen Rolle zwischen klientenorientierter Unterstützung und institutioneller Verbindlichkeit. Vor dem Hintergrund des ethnografischen Forschungszugangs wird zudem reflektiert, wie die eigene Feldzugehörigkeit sowie die metaphorischen Deutungsmuster der Forschenden Wahrnehmung, Dokumentation und Interpretation des Materials mitprägen.

Anliegen der Posterpräsentation: Diskussion methodischer Fragen und Weiterentwicklung eines explorativen Zugangs zu einem qualitativen Promotionsprojekt.

Kontakt: maja.niestroj@gmail.com

Literatur

  • Emerson, Robert M.; Fretz, Rachel I. & Shaw, Linda L. (2011). Writing ethnographic fieldnotes. Chicago: The University of Chicago Press.
  • Gahleitner, Silke Birgitta (2020). Professionelle Beziehungsgestaltung in der psychosozialen Arbeit und Beratung. Tübingen: DGVT-Verlag.
  • Schmitt, Rudolf (2017). Systematische Metaphernanalyse als Methode der qualitativen Sozialforschung. Wiesbaden: Springer VS.
  • Schmitt, Rudolf; Schröder, Julia; Pfaller, Larissa & Hoklas, Anne-Kathrin (Hrsg.) (2022). Die Praxis der systematischen Metaphernanalyse: Anwendungen und Anschlüsse. Wiesbaden: Springer VS.

Methodenentwicklung

Zwischen Sprechen und Schweigen: Reflexion als Erkenntnisgewinn im interpretativen Forschungsprozess mit Bundeswehrsoldaten

Kristina Meier (Georg-August-Universität Göttingen)

Ausgangspunkt: In meinem Dissertationsprojekt werden die lebensgeschichtlichen Erfahrungen von ehemaligen Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz untersucht. Der Feldzugang und die Erhebungssituation stellen besondere methodische Herausforderungen dar: Belastende Einsatzerfahrungen erschweren diesen. In den Interviews dominieren argumentative Darstellungsformen, Schweigesequenzen, geringe Anteile selbstläufiger Sequenzen sowie kollektive Narrative, die durch öffentlich-mediale und bundeswehreigene institutionelle Diskurse gerahmt sind (u.a. Apelt 2014; Seiffert, Langer & Pietsch 2012).

Forschungsfrage: Inwiefern lassen sich Schwierigkeiten im Forschungsprozess – insbesondere im Wechselspiel zwischen Sprechen und Schweigen – als Ausdruck feldspezifischer Wirklichkeitskonstruktionen rekonstruieren und erkenntnistheoretisch produktiv wenden?

Methodik: Es wurden neun biografisch-narrative Interviews (Schütze 1983; Rosenthal 2011) geführt und zu ausgewählten Fällen biografische Fallrekonstruktionen (Rosenthal 1995) angefertigt. Bei der Auswertung habe ich meine Positionierung als Forscherin, Interviewdynamiken und feldspezifische Bedingungen explizit in Memos dokumentiert (Breuer, Muckel & Dieris 2018). Der Feldzugang gilt als konstitutiver Bestandteil des Forschungsprozesses sowie als eigenständiges analytisches Ergebnis (Lau & Wolff 1983).

Ergebnisse: Die Reflexion des Feldzugangs zeigt, dass biografisches Erzählen – oder dessen Ausbleiben – durch vier interdependente Strukturierungsmomente geprägt ist: lebensgeschichtliche Erfahrungen, wirkmächtige Diskurse, Zugehörigkeitskonstruktionen und die Situationsdefinition im Interview. Die „Militärkultur“ (vom Hagen & Tomforde 2012) konstituiert als Strukturprinzip eine „Wir-Gruppe“ mit symbolischer Grenze zur zivilen Außenwelt. Als zivile Forscherin wurde ich in dieser Dynamik als nicht zugehörig positioniert, was zum Teil den Zugang zu bestimmten Erfahrungsbeständen begrenzte. In den Interviews dominierten kohärente, normalitätsorientierte Lebensgeschichten, während Brüche und belastende Erfahrungen kaum entfaltet wurden. Verstärkt wird dies durch diskursive Rahmungen, die institutionelle Narrative (Professionalität, Pflichterfüllung) sagbar, individuelle Krisenerfahrungen jedoch unsagbar machen. Dieses strukturelle Spannungsverhältnis zwischen kollektiven und individualisierten Einsatzerfahrungen sowie fehlende kollektive Erzählmuster – in welchen Trauma, Ängste und abweichendes Erleben ausgebildet sind – lassen Schweigepraktiken als Selbstschutz und als organisationalen Effekt erscheinen. Wo Biografen sich von diesen hemmenden Bezügen lösten, zeigte sich das Potenzial des Interviews, Unsagbares zugänglich zu machen.

Anliegen der Posterpräsentation: Diskussion von Chancen und Herausforderungen interpretativer Methodik in sensiblen, diskursiv aufgeladenen Feldern.

Kontakt: kristina.meier@sowi.uni-goettingen.de

Literatur

  • Apelt, Maja (2014). Sozialisation im Militär. Wissenschaft & Frieden 2014/4 Soldat sein, 11–14.
  • Breuer, Franz; Muckel, Petra & Dieris, Barbara (2018). Reflexive Grounded Theory. Eine Einführung für die Forschungspraxis. Wiesbaden. Springer VS.
  • Lau, Thomas & Wolff, Stephan (1983). Der Einstieg in das Untersuchungsfeld als soziologischer Lernprozeß. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 35, 417–437.
  • Rosenthal, Gabriele (1995). Erlebte und erzählte Lebensgeschichte: Gestalt und Struktur biographischer Selbstbeschreibungen. Frankfurt am Main: Campus.
  • Rosenthal, Gabriele (2011). Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung (5. Auflage). Weinheim: Beltz Juventa.
  • Schütze, Fritz (1983). Biographieforschung und narratives Interview. Neue Praxis, 13(3), 283–293.
  • Seiffert, Anja; Langer, Phil C. & Pietsch, Carsten (Hrsg.) (2012). Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Sozial- und politikwissenschaftliche Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag.
  • vom Hagen, Ulrich & Tomforde, Maren (2012). Militärische Kultur. In Nina Leonhard & Ines-Jacqueline Werkner (Hrsg.), Militärsoziologie – Eine Einführung (2. Auflage, S. 284–311). Wiesbaden: Springer VS.

Zum Umgang mit eigenen und fremden Emotionen in der biografisch-narrativen Forschung – Ein Erfahrungsbericht aus der Eheauflösungsforschung

Laura Schaupeter (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Ausgangspunkt: Der Beitrag setzt sich am Beispiel eines Projekts zur Eheauflösungsforschung mit dem Umstand auseinander, dass biografisch-narrative Verfahren im Kontext der Erhebung und Auswertung mit emotionaler Belastung sowohl der interviewten Personen als auch der Forschenden einhergehen. Hierauf sind insbesondere Forschende oft nicht adäquat vorbereitet.

Forschungsfrage: Folglich ist zu klären, wie qualitative Forschungsprozesse bezüglich des Umgangs mit eigenen und fremden Emotionen forschungsethisch zum Schutz der Beteiligten und zur Sicherstellung von Datenqualität besser abgesichert werden können.

Methodik und Ergebnisse: Diese Reflexion basiert auf Erfahrungen aus biografisch-narrativen Interviews mit anschließender Narrationsanalyse im Kontext der Eheauflösung (Schütze 1983; Kleemann, Krähnke & Matuschek 2013), in denen starke Emotionen, wie Trauer und/oder Wut, auftraten. Die intensiven Interviewphasen und die wiederholte Auseinandersetzung mit dem Datenmaterial kreierten herausfordernde Situationen.

Diskussion: Insbesondere im Kontext biografisch-narrativer Verfahren bedarf es einer besseren Prozessbegleitung, die methodische Angemessenheit, psychische Integrität und Gesundheit aller Beteiligten sicherstellt. Distress Protocols (Whitney & Evered 2022), Peer Debriefing (Johnson & Clarke 2003), Forschungstagebücher (Rager 2005), Self-Care-Strategien (Berkovic 2023) sowie das Anwenden der reflexiven Grounded-Theory-Methodologie (Breuer, Muckel & Dieris 2019) können hier hilfreich sein.

Anliegen der Posterpräsentation: Ziel der Posterpräsentation sind der Erfahrungsaustausch und die Entwicklung von Impulsen für eine praxisnahe, forschungsethisch reflektierte qualitative Forschung.

Kontakt: laura.schaupeter@wiwi.uni-halle.de / https://unternehmensfuehrung.wiwi.uni-halle.de/lehrstuhlteam/mitarbeiter/m.a._laura_schaupeter/

Literatur

  • Berkovic, Danielle (2023). Looking after yourself. In Darshini Ayton, Tess Tsindos & Danielle Berkovic (Hrsg.), Qualitative research – a practical guide for health and social care researchers and practitioners. Melbourne, Australia: Monash University Library.
  • Breuer, Franz; Muckel, Petra & Dieris, Barbara (2019). Reflexive Grounded Theory. Eine Einführung für die Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer VS.
  • Johnson, Barbara & Clarke, Jill M. (2003). Collecting sensitive data: the impact on researchers. Qualitative Health Research, 13, 421–34.
  • Kleemann, Frank; Krähnke, Uwe & Matuschek, Ingo (2013). Interpretative Sozialforschung. Eine Einführung in die Praxis des Interpretierens. Wiesbaden: Springer VS.
  • Rager, Kathleen B. (2005). Self-care and the qualitative researcher: When collecting data can break your heart. Educational Researcher, 34, 23–24.
  • Schütze, Fritz (1983). Biographieforschung und narratives Interview. Neue Praxis, 13(3), 283–293.
  • Whitney, Clare & Evered, Jane A. (2022). The qualitative research distress protocol: A participant-centered tool for navigating distress during data collection. International Journal of Qualitative Methods, 21, 1–9.

Anne Uphoff (Universität Fribourg)

Ausgangslage: In einer Vielzahl qualitativer Forschungstraditionen wird betont, dass Erkenntnisprozesse situiert, relational und durch die Positioniertheit Forschender mitkonstituiert sind. Reflexivität gilt daher aus Sicht zahlreicher wissenschaftstheoretischer Perspektiven als zentrales Qualitätsmerkmal (Tracy 2010). Ein reflexives Verständnis qualitativer Forschung richtet den Blick zugleich auf häufig implizite Mikroprozesse der Wissensproduktion, die den Forschungsprozess prägen, etwa den Umgang mit Irritationen, Unsicherheiten, Ambivalenzen, Vorannahmen, Positionierungsprozessen und normativen Orientierungen. An diese Überlegungen anknüpfend werden mit dem Poster zentrale Konzepte der Acceptance and Commitment Therapy (ACT) von Hayes et al. (2013) als epistemische Heuristik für qualitative Forschung diskutiert. ACT ist ursprünglich ein in der kognitiven Verhaltenstherapie etablierter Ansatz.

Forschungsfrage: Angesichts dieser Ausgangslage wird die generelle Frage verfolgt, wie sich Mikroprozesse qualitativer Wissensproduktion mithilfe zentraler ACT-Konzepte beschreiben und reflektieren lassen und dabei spezieller sondiert, inwiefern ACT-Konzepte Akzeptanz, Defusion, Selbst-als-Kontext, Präsenz, Werte und engagiertes Handeln über ihren ursprünglichen Interventionskontext hinaus zur Beschreibung und Reflexion erkenntnisrelevanter Prozesse qualitativer Wissensproduktion beitragen können.

Anliegen der Posterpräsentation: Mit meinem Anliegen, eine theoretische Perspektive auf qualitative Wissensproduktion durch eine konzeptionelle Relektüre zentraler ACT-Konzepte vorzuschlagen, geht es mir um fachlichen Austausch zur Reflexion qualitativer Wissensproduktion.

Kontakt: anne.uphoff@unifr.ch

Literatur

  • Hayes, Steven C.; Levin, Michael E.; Plumb-Vilardaga, Jennifer; Villatte, Jennifer L. & Pistorello, Jacqueline (2013). Acceptance and commitment therapy and contextual behavioral science: Examining the progress of a distinctive model of behavioral and cognitive therapy. Behavior Therapy, 44(2), 180–198, DOI: https://doi.org/10.1016/j.beth.2009.08.002.
  • Tracy, Sarah J. (2010). Qualitative quality: Eight “big-tent” criteria for excellent qualitative research. Qualitative Inquiry, 16(10), 837–851.

Im Moment verstehen: Multimodale Tagebücher als Zugang zu Alltagserfahrungen im öffentlichen Raum

Ruth Wakenhut (KERNWERT GmbH), Arturo Romero Carnicero (LAREP – ENSP Versailles) 

Forschungskontext: Öffentliche Räume werden als Orte der Begegnung, Teilhabe und Zugehörigkeit diskutiert, sind jedoch zunehmend durch Konsum, Regulierung und implizite soziale Erwartungen geprägt. Für junge Menschen stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen Orte Aufenthalt, Begegnung oder Rückzug ermöglichen und wann sie gemieden oder als nicht zugänglich erlebt werden. Methodische Herausforderung ist, solche Erfahrungen möglichst im Entstehungskontext zu erfassen.

Forschungsfragen: Der Beitrag verfolgt zwei verbundene Fragestellungen: Erstens wird untersucht, welches Erkenntnispotenzial digitale multimodale Tagebücher für die Erfassung situierter Erfahrungen im öffentlichen Raum bieten. Zweitens wird am Beispiel jugendlicher Alltagserfahrungen analysiert, unter welchen Bedingungen öffentliche Orte Aufenthalt, Begegnung oder Rückzug ermöglichen – und wann sie gemieden oder als nicht zugänglich erlebt werden.

Methodik: Digitale, multimodale Diary Study: 25 Jugendliche dokumentieren offen und teilstrukturiert über eine Woche Orte ihres Alltags mittels Fotos, Videos, Sprachaufnahmen und kurzen Reflexionen. Die Kombination verschiedener Daten erlaubt eine situierte Erfassung räumlicher Alltagserfahrungen. Die Methodik knüpft an Arbeiten zu multimodalen digitalen Tagebüchern an, die deren Potenzial für alltagsnahe, teilnehmendengeleitete Erhebungen betonen (Alcaire, Flores & Antunes 2024; McCombie et al. 2024; Palmberger 2025).

Ergebnisse: Zum Zeitpunkt der Präsentation ist die Datenerhebung abgeschlossen. Erwartet werden multimodale Alltagsdokumentationen zu genutzten Orten, Nicht-Orten und Vorstellungen idealer Orte. Auf dem Poster werden ausgewählte Daten als visuelle Fallvignetten dargestellt: Foto/Video-Still, kurzer O-Ton und analytische Verdichtung zeigen, wie Ort, Situation und Bedeutung zusammenwirken.

Diskussion: Im Fokus steht die Frage, wie sich aus kontextnahen Daten Relationen zwischen Orten, alltäglichen Praktiken und subjektiven Bedeutungen rekonstruieren lassen und welche Herausforderungen sich für Interpretation und analytische Verdichtung ergeben.

Anliegen der Posterpräsentation: Zur Diskussion gestellt werden das Potenzial multimodaler Tagebuchdaten für die Rekonstruktion von Relationen zwischen Orten, Praktiken und Bedeutungen sowie deren analytische Verdichtung.

Kontakt: r.wakenhut@kernwert.com

Literatur

  • Alcaire, Rita; Flores, Ana Marta & Antunes, Eduardo (2024). Beyond words: Tapping the potential of digital diaries while exploring young adults’ experiences on apps. Societies, 14(3), Art. 40.
  • McCombie, Catherine; Esponda, Georgina Miguel; Ouazzane, Hannah; Knowles, Gemma; Gayer-Anderson,  Charlotte; Schmidt, Ulrike & Lawrence, Vanessa (2024). Qualitative digital diary methods: participant-led values for ethical and insightful mental health research. International Journal of Qualitative Methods23, DOI: https://doi.org/10.1177/16094069241296189.
  • Palmberger, Monika (2025). The digital diary: A mobile, multimodal, and participatory method and part of digital ethnography. International Journal of Qualitative Methods, 24, 1–12.